MAE Frühsport Teil 15
Ich sah ihn an. Leider kein schütteres Haar, dachte ich. Er sah mich an, dachte was. Wir sahen uns an, erst in die Augen, dann einander auf die Zehen, seine hoben und senkten sich ungeduldig oder nervös, meinetwegen auch gelangweilt oder vor Freude. Keine Frage, wir benötigten einen neuen Einstieg ins Gespräch. Er hatte es versaut, nicht ich, wer den ersten Versuch in den Sand setzt, der sollte den zweiten nicht anderen überlassen. Es dauerte, er nahm einen weiten Anlauf.
„Ich war letztes Wochenende in Cottbus, Kerstin besuchen, die ist da am Staatstheater, für eine Spielzeit. Tobi war auch mit, der schreibt jetzt für Springer, sein erstes Praktikum war Junge Welt, danach die Jungle World, taz, jetzt Springer. Ich finde das Konsequent. Ich glaube ja auch das dass langfristig die beste Strategie ist, mit den Konservativen, den bürgerlichen Konservativen, auf Evolution zu setzen statt auf Revolution. Von daher ist das Konsequent. Tobi bei Springer, wie findest du das?“
Fragen die man kurz und knapp mit „Scheiße“ oder „was für ein Schwachsinn“ beantworten kann, taugen ebenso wenig wie Beleidigungen, eine entspannte Konversation mit alten Bekannten voran zu treiben und ich beschloss, dem ein Ende zu setzen, es hinter mich zu bringen:
„Und du, was machst du?“
Und los ging’s. Er würde weit ausholen, das stand fest. Seine Lippen bewegten sich, ich spiegelte mich in seinen Augen und wir saßen am Wasserturm, Bernard, Tobi und ich. Im Wronski, Anita Wronski, ein ganz beschissen normales Café, aber eines der wenigen und für uns reserviert und um uns herum und in uns drin das ganze wunderschöne doofe Leben, egal und wunderschön, weil in uns drin und um uns herum. Auf Ecstasy über Ecstasy reden, das ganze Drogengeplapper: Warum Koks so doof ist. Warum Speed so viel geiler ist: weil auf Speed das aufhören nicht denkbar ist, eine Fahrt im Panzer ohne links und rechts und hinten, kein zurück, immer geradeaus und geradeaus ist, wo vorn ist und vorn ist, wohin man blickt, diese Beschränktheit nach vorne. Gemeinsam wach sein, um wach zu sein, wir dachten das würde genügen. Unter dem Pflaster kein Strand, unter dem Pflaster der Bass. Wir hatten den gleichen Ansatz, sind dann aber unterm Strich auf sehr unterschiedliche Weise keine Hippies geworden, dachte ich, bemüht Bernards Ausführungen zu folgen. Hundert hüpfende Gummibälle in der richtigen Reihenfolge nacheinander auffangen, nahezu unmöglich. „Beratervertrag“, hörte ich ihn sagen, „Großprojekt, regenerative Energien, die Rettung der Welt, der größte Business Case unserer Zeit…“ Irgendwann war er einfach fertig. Letzter Satz, fertig, nichts womit ich was anfangen konnte. „Und du, was machst du schönes? Hinter der Bar stehst du doch wohl nicht mehr und mit Dielen abschleifen kann man ja heutzutage auch kein Geld mehr verdienen!“ Die Gegenfrage, charmant vorgetragen. „Na ja, ich habe da so ein Projekt, da arbeite ich mit, Urban Gardening heißt das offiziell, aber ich würde sagen Urban Farming trifft es eher. Es geht darum den Stadtraum als Agrarraum zu entdecken und über die gemeinsame landwirtschaftliche Bewirtschaftung urbaner Grünflächen gewissermaßen die Dorfgemeinschaft in die Stadt hinein zu holen. Unser Ziel ist es langfristig den selbstversorgerischen Ansatz mit dem wir gerade experimentieren zu überschreiten und Parks, Bahndämme und städtischen Brachen kommerziell zu bewirtschaften. Gerade sind wir im Volkspark Friedrichshain unterwegs, schauen was am Wegesrand so wächst und nehmen Proben. Wir haben die Förderung jetzt für ein halbes Jahr bekommen, mal sehen.“
Er sah mich an, schüttelte den Kopf. Ich sah ihn an. Wir sahen uns an. Er klopfte mir auf die Schulter. „Pass auf dich auf“, sagte er, eilte davon, suchte sich ein anderes Gespräch, stellte sich irgendwo dazu.




