MAE Frühsport Teil 14
Sie lag ja auch goldrichtig damit, es war nichts passiert. Jedenfalls nicht mir. Aber ich war ganz dicht dran gewesen, als etwas passierte, so dicht dran am geschehen, dass es mich hineingezogen hatte, vom Beobachter zum Verfolger zum beinahe Beteiligten. So dicht dran, dass es Überwindung kostete, sich noch eine Weile zurückzuhalten. Davon zu erzählen, Biggi einzuweihen, wäre der nächste logische Schritt gewesen. Tag für Tag hatte ich unter dem genannten Vorwand die Gruppe verlassen und, gleiche Zeit gleicher Ort, Posten bezogen, mich ansonsten ruhig verhalten, auf jegliche Verfolgung der Verdächtigen verzichtet. Viele andere waren täglich anwesend. Der Spatzenmann, der, stets pünktlich, mit freiem Oberkörper, das T-Shirt in den Gürtel gehängt trotz des inzwischen herbstlich zu nennenden Wetters, die Treppen des kleinen Bunkerbergs hinab stieg, um auf seiner Bank Platz zu nehmen. Er sitzt eine Weile, greift dann in die Seitentaschen seiner Hose nach den Brotkrumen, wirft einige vor sich, den Rest in der hohlen Hand, lässt erst die Spatzen kommen, öffnet dann die Hände und während sie sich darauf stürzen, immer mehr, eine Wolke, lacht er und lacht, lehnt sich anschließend zurück, setzt seinen Weg fort.
Er und ich, die anderen, wir regelmäßigen, umgaben das Geschehen, gehörten dazu. Das ist alles in meinem Berichtsheft nachzulesen, ich habe die gesamte Szene, die vollständige Kulisse mit wirklich allen Beteiligten sorgfältig dokumentiert. Ebenfalls die Ergebnisse meiner Suche nach den Hinterfrauen der Prenz’lberger Mama Agentur. Spärlich und gerade aus diesem Grund beunruhigend. Es gab einen Internet Auftritt: Ein Katalog freundlicher Frauengesichter, sogenannte „Hol und Bring Angebote“, Preise „aufwandsabhängig nach Absprache“, eine Mobiltelefonnummer, keine Adresse, keine Postanschrift, keine Firmenkennzeichnung wie GbR oder GmbH, keine Liechtensteiner Stiftung. Wer vertraut sein Kind einem Mobiltelefon an? Und wie sollte ich diese hanebüchene Geschichte zur Sprache bringen, ohne mich zum Trottel zu ernennen? Diese Geschichte hatte keinen ersten Satz der nicht geklungen hätte wie aus dem Drehbuch einer Vorabendserie abgeschrieben. Also sagte ich weiterhin nichts und Biggi fragte mich nichts und auch ich fragte Biggi nichts, weil mich das nicht Erzählen können irgendwie blockierte. Diese Party machte es nicht einfacher. Champagner und Trüffel für alle, Koks für die Freunde vom Kameramann, Gänsemarsch ins Separee, danach ausschwärmen und loslabern, auf Strümpfen wohlgemerkt, weil Parkett.
Biggi und ich hielten uns gerade: Stumpf stehen, stumpf trinken, nicht spähen, nicht winken. Warten auf einem stillgelegten Bahnsteig. Ich bückte mich gerade um eine weitere Flasche vor meinen Füßen zu platzieren, als ein Paar Burlington Socks direkt vor meinen Augen die Ankunft Bernards verriet. Er hatte sich überhaupt nicht verändert, jedenfalls nicht strumpfmäßig, dachte ich und ahnte, wie es oben rum weitergehen sollte: vierhundertundvierzig Gramm schwerer original Harris Tweed, gelbbeige mit hellblauem Überkaro standen vor mir, dazu ein blassrosa Hemd, hellbrauner Schal mit gelbem Karo. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber ich dachte mir die fehlende Barbour Jacke über dem Sakko einfach dazu.
„Mensch“, rief er, „Biggi, wie geht’s, was machst du?“ klopfte erst ihr auf die Schulter, dann mir, wedelte mit seinem Champagnerglas, wies auf die Batterie leerer Flaschen auf dem Parkett, sagte: „Und, Rüdiger, du immer noch Bier-Proletarier?“
(Tja, hier folgt eine unangenehme Gesprächspause, die sich quälend lange hinzieht, bis nächsten Montag genauer gesagt)
Er und ich, die anderen, wir regelmäßigen, umgaben das Geschehen, gehörten dazu. Das ist alles in meinem Berichtsheft nachzulesen, ich habe die gesamte Szene, die vollständige Kulisse mit wirklich allen Beteiligten sorgfältig dokumentiert. Ebenfalls die Ergebnisse meiner Suche nach den Hinterfrauen der Prenz’lberger Mama Agentur. Spärlich und gerade aus diesem Grund beunruhigend. Es gab einen Internet Auftritt: Ein Katalog freundlicher Frauengesichter, sogenannte „Hol und Bring Angebote“, Preise „aufwandsabhängig nach Absprache“, eine Mobiltelefonnummer, keine Adresse, keine Postanschrift, keine Firmenkennzeichnung wie GbR oder GmbH, keine Liechtensteiner Stiftung. Wer vertraut sein Kind einem Mobiltelefon an? Und wie sollte ich diese hanebüchene Geschichte zur Sprache bringen, ohne mich zum Trottel zu ernennen? Diese Geschichte hatte keinen ersten Satz der nicht geklungen hätte wie aus dem Drehbuch einer Vorabendserie abgeschrieben. Also sagte ich weiterhin nichts und Biggi fragte mich nichts und auch ich fragte Biggi nichts, weil mich das nicht Erzählen können irgendwie blockierte. Diese Party machte es nicht einfacher. Champagner und Trüffel für alle, Koks für die Freunde vom Kameramann, Gänsemarsch ins Separee, danach ausschwärmen und loslabern, auf Strümpfen wohlgemerkt, weil Parkett.
Biggi und ich hielten uns gerade: Stumpf stehen, stumpf trinken, nicht spähen, nicht winken. Warten auf einem stillgelegten Bahnsteig. Ich bückte mich gerade um eine weitere Flasche vor meinen Füßen zu platzieren, als ein Paar Burlington Socks direkt vor meinen Augen die Ankunft Bernards verriet. Er hatte sich überhaupt nicht verändert, jedenfalls nicht strumpfmäßig, dachte ich und ahnte, wie es oben rum weitergehen sollte: vierhundertundvierzig Gramm schwerer original Harris Tweed, gelbbeige mit hellblauem Überkaro standen vor mir, dazu ein blassrosa Hemd, hellbrauner Schal mit gelbem Karo. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber ich dachte mir die fehlende Barbour Jacke über dem Sakko einfach dazu.
„Mensch“, rief er, „Biggi, wie geht’s, was machst du?“ klopfte erst ihr auf die Schulter, dann mir, wedelte mit seinem Champagnerglas, wies auf die Batterie leerer Flaschen auf dem Parkett, sagte: „Und, Rüdiger, du immer noch Bier-Proletarier?“
(Tja, hier folgt eine unangenehme Gesprächspause, die sich quälend lange hinzieht, bis nächsten Montag genauer gesagt)




