MAE Frühsport Teil 13

Der Kameramann stand in der Tür, ein Glas in der Hand, sah erst mich an, dann an mir vorbei die Treppe hinunter. „Biggi kommt nach?“ Keine Frage, eine Feststellung. „Ja“, sagte ich, „gleich“ und begann, mir den Straßendreck von den Sohlen zu treten, länger als es nötig gewesen wäre, bis er endlich, sich abwendend, den Eingang frei gab, mir noch ein Wort über die Schulter zuwarf: „Parkett.“ Einfach so. „Parkett.“ Nichts weiter. So schlimm hatte ich es nicht erwartet, doch ich leistete Folge, entledigte mich meiner Schuhe, bereit wildfremden Menschen auf Strümpfen gegenüber zu treten.
Der Eingangsbereich war durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgeteilt, dahinter tat sich ein Raum auf, so riesig, dass selbst die Tafel in der Mitte, die annähernd  30 Personen Platz bot, verloren wirkte. Glasfront mit Spreeblick, offene Küche, einige Stellwände markierten Reviere, das Bett, einen Arbeitsplatz, drei kleine Sessel, ausgerichtet nicht auf einen Fernseher, sondern auf eine Kaffeemaschine mit eigenem Wasser- und Starkstromanschluss an der dem Eingang gegenüberliegenden Schmalseite. Abgesehen von Biggi fehlten noch all die anderen, gerade vier Personen tummelten sich am Tisch, kommunikativ über Eck gesetzt. Der Hausherr hatte zu tun, es sollte Essen geben, Serrano-Schinken am Stück zum selber herunter schneiden, üppige Wurst- und Käseplatten, Brot- und Obstkörbe, Wein stand bereit. Was sollte ich machen? Ich war früh genug, um bei den Pünktlichen sitzen zu müssen, ich konnte mich schlecht am anderen Ende der Tafel niederlassen. Die pünktlichen, das sind zum Beispiel Eltern, die ihre drei Kinder mitbringen. Das Jüngste ist zwei Jahre alt und wird noch gestillt, deshalb kann man es nicht zu hause mit Babysitter abparken. Man muss einem Kind, das „Titten“ sagen könnte, hätte man es ihm beigebracht, in aller Öffentlichkeit die Brust geben.
Eine kleine Frau neben mir nippte fleißig an ihrem Weinglas und plauderte mit einem gegenüber: „Prosa sagt mir nicht so zu, das halte ich für Zeitverschwendung, ich lese lieber Erfahrungs- und Lebensberichte, die sich mit den Minderheiten anderer Kulturen beschäftigen“, vernahm ich und schickte einen Stoßseufzer gen Himmel. Ich saß zweifelsohne bei den anders Begabten. Nicht einmal der Gastgeber und Kameramann wollte sich zu uns gesellen. Hin und her laufend rückte er Gläser zurecht und wieder zurück, richtete Teller und Servietten neu aus.
Die Pünktlichen sind die Behinderten auf den Partys, man stellt auf dem Stuhl neben ihnen die Handtasche ab, bevor man sich verschämt niederlässt. Sie haben komische Angewohnheiten, sie kommen alleine und zu früh und wissen nicht wie der Kameramann heißt. Ansgar? Arne? Fridolin? Ich kannte ihn vom saufen mit Biggi, war ihm schon auf andern Partys begegnet. Ich war auf seiner Party, weil Biggi mich angerufen hatte. Wie jeden Freitag. Ein Freitag ohne Anruf von Biggi ist kein Freitag, danach gibt es keinen Samstag, wenn sie nicht anruft, freitags gehe ich hin, wo Biggi hin will, das war schon immer so, seit wir uns kennen, außer sie hat die Stadt verlassen. Heute also hier. „Bernard kommt auch, der ist das Wochenende in der Stadt, das wird lustig, weißt du noch, Bernard?“ Ohne eigenen Vorschlag ließ sich schlecht nein sagen und ja, ich wusste noch, Bernard. Eigentlich Bernhardt, mit dt, gebürtiger Bremer. Hatte sich erfolgreich hochstilisiert zum Halbfranzosen mithilfe seines Stiefvaters aus der französischen Schweiz und seiner Sprachbegabung. Bernard statt Bernhardt, immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die Blumen des Bösen im original in der Tasche, später Derrida, Foucault, Deleuze. Jetzt in einer französischen Wirtschaftskanzlei vorne dabei.
„Und, woher kennst du den Arnulf?“ Das galt mir. „Och so halt. Gibt’s eigentlich auch Bier?“
„Oh, Bier? Nein, das weiß ich nicht.“
„Guck ich mal“ und weg war ich. Große Wohnung gleich weite Wege gleich Zeitgewinn. Die ersten Nichtbehinderten trudelten ein, wie es sich für normale coole Leute gehörte in Gruppen und, als hätten sie sich abgesprochen, kurz hintereinander. Ich blieb beim Bier in der Deckung. Erst eine, dann zwei leere Flaschen neben mir auf dem Parkett.
Biggi kam. Wir tranken schweigend im stehen. Wenn sie mal fragen würde, dachte ich, wenn sie mich fragen würde: „Was macht der Park?“ Oder einfach nur „und?“ Ich hätte etwas zu erzählen, aber sie geht davon aus, dass es nichts gibt, dass nichts passiert.
 

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