MAE Frühsport Teil 12

„Wo geht unsereiner eigentlich hin, wenn er aufs Klo muß?“ Ich ließ die Frage beiläufig fallen, wie man es macht, wenn ein dringendes Bedürfnis allen bekannt gemacht werden soll, ohne es explizit zu benennen. Es war kurz nach halb elf und der Tag strebte seinem Höhepunkt entgegen. In der linken Gesäßtasche steckte mein kleines, feines, zusammengeschustertes Notizbuch, den Kugelschreiber hatte ich an den Halsausschnitt meines T-Shirts geklemmt. Mit jeder Bewegung konnte ich die Ausrüstung spüren, das verlieh dem unsinnigen Unkrautjäten eine über die Tätigkeit hinaus weisende Bedeutung.
Uwe hob kurz den Kopf, runzelte die Stirn, Hamza zuckte mit den Schultern.
„Ihr Männer könnt euch doch ins Gebüsch stellen.“ Manuela sah mich an wie beschränkt.


„Ich muss aber richtig“, entgegnete ich und ergänzte das Ganze noch elegant mit einem leicht gedrucksten „wenn ihr wisst was ich meine“. Wie ein Kind das verlegen flüstert, es müsse mal groß. So machen wir Bekanntschaft mit der Scham, das ist der erste Apfel in den wir als Kleinkind beißen müssen, das ist die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies: Nicht alleine kacken können und das öffentlich machen müssen, vor allen Leuten, an der Hand der Eltern dorthin geführt werden. „Wo geht Jonathan denn hin?“ fragt die kleine Mara-Lisa und Ihre Mutter sagt: „Pscht! Ich glaube der Jonathan muss mal Groß. Musst du auch mal? Dann sag es bitte gleich!“ „Nein“, sagt sie, denn was soll sie auch sagen? Verbotenes, anales Glück.
Jürgen wies auf die sogenannte City Toilette.
„Die kostet aber 50 Cent, ich geh doch nicht auf Arbeit kostenpflichtig aufs Klo, wo gibt’s denn so was. Ich versuch es mal in dem Café da, Schönbrunn, hab’s eilig, gestern was komisches gegessen“, ließ ich fröhlich verlauten und den Blick noch einmal in die Runde kreisen, als wollte ich zu weiteren Erklärungen ansetzen. „Hau schon ab.“ Uwe wünschte weiter nichts zu wissen und ich stapfte von dannen. Auch für die nächsten Tage hatte ich damit einen soliden Grund für eine ordentliche Pause geliefert. „Irgendwie rumort es immer noch“ würde genügen. Toll, wenn man den ganzen Tag lang weiß, wann man offiziell für alle Stuhlgang hat.
Ich bezog Posten, Notizbuch und Stift gezückt, an der Hinweistafel, als suchte ich Orientierung. Zunächst mit dem Rücken zum Milchlammbuffet. Schulterblick, Blick auf die Uhr, tat als würde ich schreiben. Zu auffällig. Unschlüssig trat ich auf der Stelle, machte den Guck in die Luft. Machten ja alle. Geschäftig ins Nichts. Deshalb brauchten die beiden Damen ihre Kinderwagen, davor sitzen wirkt beschäftigt, ist Beschäftigung. Na gut. Selbstgebasteltes Notizbuch, komische Klamotten, der zeichnende oder schreibende Bohemien, auch eine Rolle. Berliner Klassiker. Das wollen die hier eigentlich sehen. Oder Jongleure, oder sehnige junge Männer mit freiem Oberkörper und Hut auf dem Schlappseil. Ich stierte inspiriert in der Gegend herum. Sie waren so unauffällig, dass sie einem Beobachter, der auf sie wartete, entgehen konnten. Dieselbe Bank, zwei graue Kostüme, Kinderwagen, andere diesmal, nicht schwarzblau, sandfarben, beinahe, sandgrau würde ich sagen, wenn es das gibt. Was genau sollte ich jetzt aufschreiben? Uhrzeit zuallererst, exakte Beschreibung. Von welcher Seite waren sie gekommen? Welche von welcher? Ich wartete. Und wieder: Es wurden Getränke geholt und, wenn mich nicht alles täuschte, dabei diskret die Plätze getauscht. Wurde getauscht? Wurde ich verrückt? Sie saßen da genau eine Viertelstunde, auf die Minute, eine unpersönliche und doch mit Kuss und Kuss garnierte Verabschiedung, ein tschüß auf dem Büroflur. Freundinnen waren das keinesfalls, Komplizinnen schon eher. Folge keiner von beiden, sagte die Stimme, bleib wo du bist, abgehetzte Verfolger sind nur mit sich beschäftigt. Beobachte, notiere, analysiere. Cool sein. Die kommen wieder. Gleiche Zeit, gleicher Ort.

 

 

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