MAE Frühsport Teil 11

Das Signal sprang um, der Wagen preschte davon, nur wir blieben stehen. Warum? Wir hielten gar nicht an der Ampel, ein Missverständnis, zumindest jetzt nicht mehr, jetzt hielten wir an der Haltestelle, die Türen hatten sich gerade erst geöffnet. Das übliche Geschiebe, ich sank auf einen gerade frei gewordenen Sitz. Normalerweise haben bei Beschattungen Verfolger und Verfolgter ein gemeinsames Ziel: das des Verfolgten. Der eine will dorthin und der andere will wissen, wo der andere hin will. Das Ziel der Verfolgung ist das Ziel des Verfolgten. Die Vorgehensweise ist klar: man fährt, rennt, kriecht oder fliegt hinterher. Sofern die nötigen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Ich saß in der Straßenbahn. Zusammen mit anderen Leuten, die ebenfalls ein Ziel verfolgten. Zu diesem Zweck haben sie sich zusammen geschlossen, nicht um gemeinsam irgendwohin zu fahren, eine Notgemeinschaft, ein beschissener Kompromiss. Man kann keine vernünftige, ordentliche Beschattung durchführen, wenn man fortwährend Kompromisse eingehen muss.

Allein dass der Fahrschein bloß in eine Richtung Gültigkeit hat, ich hatte mir, Gott dies gedankt, vorausschauend eine Tageskarte gegönnt, aber das nützte in dieser Situation auch nicht viel. Die Haltestelle, der Fahrplan: Alles Kompromisse, all die anderen Menschen, wartende, sitzende, stehende, drängelnde Kompromisse. Mit Kompromissgesichtern lässt sich nichts erreichen, kein Ziel, kein neuer Morgen. Schon gar nicht mit der Straßenbahn, die fährt auf Kompromissschienen, ein Bus wäre wenigstens in der Lage, seine Spur zu verlassen, die Tram sollte Kompromissbahn heißen, so sieht’s aus. Es war an der Zeit, strukturiert vorzugehen, einen umfassenden Plan auszuarbeiten. Ich musste mir das Nummernschild merken: Mum 666. Mum 666. Wo wohnt die Mutter des Teufels? In München, wo sonst. Des Teufels Mutter wohnt in München. Ein Detektiv braucht ein Notizbuch, will er den Teufel besiegen in der Gestalt der Prenz’lberger Mama Agentur, ich hatte keins, ich saß in der Kompromissbahn und sagte mein Mantra gegen das Vergessen auf: Mama Agentur, des Teufels Mutter wohnt in München, Mama Agentur, wo wohnt des Teufels Mutter? Und so weiter und so weiter. Ich sah auf die Uhr, das hatte ich im Park versäumt: 11:30. Die Rennerei, die Warterei, in den nächsten Tagen musste ich gegen 10:45 auf Posten sein, eine halbe Stunde Zeit schinden, mich von der Gruppe entfernen, auch das gehörte in mein Berichtsheft, das ich nicht hatte. Das Kompromissgesicht auf dem Sitz gegenüber blickte mich unverwandt an. Merke: Merke dir Merksätze leise, nicht halblaut, schon gar nicht wenn sie von der Mutter des Teufels handeln. Was soll's, dachte ich, schließlich habe ich für den Rest des Tages einen freien Tag, fuhr nach Hause, setzte mich wieder zu den Zeitungen auf den Boden der Küche, arbeitete sie ein zweites mal durch. Ich schnitt einige lose Blätter zurecht und bastelte ein Notizbuch, für den Einband benutze ich eine herumliegende Pappverpackung, ein Streifen Gaffer sollte es zusammen halten, wie es den Riss in meinem Kaffeefilter flickte, den Lochfraß meiner Strickjacke verdeckte und meine gebrochenen Schuhsohlen fixierte. Mit Gaffer lässt sich alles machen, Pflaster des Lebens.

 

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Frühstück

bratwurst

Frühstück: Selma

Rawioli

Ansturm auf das ÖA-Büro
Statt Warteschlange - Was wollt ihr lieber?
 
MAE-Umfrage
Wie findest Du die MAE-Frühsport-Gruppe?
 
Kiez-Umfrage
Kurtaxe für die Simon-Dach-Straße?