MAE Frühsport Teil 10

Neue Fragen waren zu stellen, originelle Antworten zu finden. Eines war klar: Ich musste feststellen, ob sich die beiden regelmäßig trafen, woher sie kamen und wohin sie gingen. Doch zuerst war herauszufinden, wann sie sich trafen, wenn sie sich trafen, mein Gedächtnis für Uhrzeiten war mir abhanden gekommen. Völlig unklar zu welchem Zeitpunkt Dinge geschehen, sie kommen und gehen wie die morgendlichen Jogger, einige laufen im Kreis und man mag es sich nicht merken, wann sie heute schon einmal da waren, ob sie ihre dritte Runde laufen, ihre fünfte. Frühsport absolviert, jawoll, der nächste bitte, ist der Tag bald rum? Nein? Ach doch, wie schön. Es besteht also kein bedarf an Uhren und sie lassen mich im Regelfall auch stets in Ruhe, morgens der Wecker, das war’s dann schon.
An diesem Tag war alles anders, die berühmte innere Uhr schlug, nicht zu jeder vollen Stunde, das nicht, nein, aber sie schlug, klopfte, hämmerte mir ins Gehirn, dass ich mich sputen müsste, wenn ich in Erfahrung bringen wollte, wann die beiden Kinderwagenfrauen sich trafen, nämlich genau jetzt. So schnell es die öffentlichen Verkehrsmittel zuließen, eilte ich in Richtung Volkspark, zweimal musste ich umsteigen, Gedrängel, Gerenne, an Haltestangen geklammerte Ungeduld. Vollkommen erledigt vor Aufregung sprang ich an der Paul-Heyse-Straße aus der Tram, betrat den Park folglich von der östlichen Seite, den Sportplatz überquerend und lief über den kleinen Bunkerberg zum Milchlammbüffet Schönbrunn. Da waren sie wieder, dieselben beiden gleich aussehenden Frauen mit Kinderwagen. Ich kam nur etwas zu spät. Wenn sie wieder getauscht hatten, dann war die Angelegenheit schon über die Bühne gegangen, gerade verabschiedeten sie sich mit Prenzlauer Berg Küsschen links und rechts auf die Wange und liefen in entgegen gesetzter Richtung auseinander. Ich musste mich entscheiden, welcher der beiden ich folgen wollte und wählte die aus, die sich auf die Straße am Friedrichshain zu bewegte, die Kniprodestraße entlang, auf die Danziger Straße zu, von der ich gerade gekommen war. Sie überquerte die Fahrbahn, blieb auf der Ecke stehen und wartete offensichtlich auf jemanden. Ich bezog an der Straßenbahnhaltestelle Posten. Ein schwarzer BMW stoppte, eine Frau vermutlich mittleren Alters stieg aus. Mit wenigen Handgriffen wurde der Liegekorb vom Fahrgestell abmontiert und wohl als Kindersitz auf der Rückbank befestigt. Zum Abschied schüttelten sich beide die Hand, die Türen schlugen zu, der Wagen fädelte sich wieder in den Verkehr. Die Tram fuhr ein und ich sprang hinein noch bevor jemand aussteigen konnte. Großer Fehler, Empörung blockierte die Türen, es war eine Durchsage des Fahrers vonnöten bis wieder Disziplin unter den Leuten herrschte und wir abfahren konnten. Alles kam auf die Ampelschaltung an, den Wagen wieder zu erkennen sollte kein Problem sein, das Nummernschild war gut zu sehen gewesen: M-UM, Teuflischerweise konnte ich die vierte Ziffer nicht erkennen, die ersten drei lauteten: 666. MUM 666. Schnell schob ich mich von hinten bis ganz nach vorne an die Zugspitze durch, um noch ein paar Meter gut zu machen und ich lag goldrichtig. An der nächsten Ampel kamen wir direkt neben dem Wagen zu stehen. Ich kniff die Augen zusammen um den Aufkleber an der Heckscheibe lesen zu können: „Prenz´lberger Mama Agentur“.
 

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