MAE Frühsport Teil 6

Zum Feierabend rief Biggi an. Meine Biggi. Einladung zum Essen. Ein Italiener irgendwo an der Straße Am Friedrichshain. Ich musste bloß den Park durchqueren um dorthin zu gelangen. Ein schöner Nachmittag, jetzt schien auch die Sonne, alles im Lot, denn ein Bier würde aufgehen. Als ich das Kaiser Friedrich Denkmal passiert hatte und links auf den Weg zum großen Teich einbog, begann mein Herz anders, schneller, zu schlagen. Die Füße verloren ihren Rhythmus, wie angetrunken. Das konnte nicht allein an Biggi liegen, auf die ich mich, zugegeben, unbändig freute. Erst als ich den Ort des Geschehens vom Vortag erreichte fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Sie saßen in Massen vor dem Schönbrunn, frisch gebackene Mamas und Papas und aßen, was es dort eben zu essen gab. Milchkalb und Milchlamm, größtenteils. Gerade noch hatten sie ihr Kind zum stillen an der Brust und nun verspeisten sie von der Mutterbrust gerissene Tiere. Ich stand da und sah und „Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: (…) Am zehnten Tage dieses Monats nehme ein jeglicher ein Lamm (…) je ein Lamm zu einem Haus. (…) Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, daran kein Fehl ist, ein Männlein und ein Jahr alt (…) und ein jegliches Häuflein im ganzen Israel soll´s schlachten gegen Abend. Und sollt von seinem Blut nehmen und beide Pfosten der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, darin sie es essen. (…) Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen (…). Und das Blut soll euer Zeichen sein an den Häusern, (…) dass, wenn ich das Blut sehe, an euch vorübergehe und euch nicht die Plage widerfahre, die euch verderbe, wenn ich Ägyptenland schlage.“

So sieht's aus, dachte ich, sie haben Angst. Und sie taten gut daran, denn zwei ominöse, sich erstaunlich ähnlich sehende Frauen hatten hier gestern nebeneinander gesessen und ihre Kinderwagen samt Inhalt getauscht und nun verknusperten die Kleinfamilien am Milchlammbuffet prophylaktisch ein Opfertier, auch wenn sie nicht wissen konnten was ich wusste. Das ist das aufgeklärte Zeitalter, in dem neoreligiöse Handlungen unbewusst in Restaurants vollzogen werden. Und ich war der Prophet, ein rasanter Aufstieg. Der Auftrag musste nur Zeitgemäß verpackt werden und in diesem Fall hieß das: Fakten sammeln, das Böse als Kriminalfall lesen und zur Sprache bringen, Detektiv-Arbeit. Zuerst würde ich mit Biggi darüber sprechen müssen. Also setzte ich meinen Weg fort.

 

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