MAE Frühsport Teil 5

Am folgenden Tag hatte ich den Vorfall schon fast wieder vergessen. Geblieben war eine nagende Unruhe die sich in Vergesslichkeit und tollpatschigen Bewegungen ausdrückte. Die Folge waren nicht richtig zugebundene Schuhe, offen gelassene Knöpfe und überraschend frühes Aufstehen. Alles was geschlossen sein sollte, war nicht richtig zu, also auch die Augen. Andere Dinge gingen dafür nicht auf, wie zum Beispiel die Sonne, die sich hinter einer haferflockensuppengrauen Wolkendecke verborgen hielt. Der Tag als solches war aus den Fugen geraten und ich schon erschöpft, noch bevor ich in die Friedenstraße einbog, so dass ich ein grundsolides Feierabendgefühl mit zu meiner Arbeitsgelegenheit brachte. Und nicht nur das, obendrein erreichte ich mein Ziel weit vor der Zeit und unser Bauwagen und damit auch der Arbeitstag waren noch geschlossen. Wie sich ein Tag schon so früh so spät anfühlen kann, dachte ich und sogleich machte sich Bierdurst bemerkbar, trotz unpassender Morgenkühle, doch der milde Nachmittag lag bereits in der Luft und kitzelte verlockend meine Kehle.

Ich tat was ich tun musste, ging noch ein paar Schritte und bot vor der Gedenkstätte für die deutschen Interbrigadisten dem Spanienkämpfer den sozialistischen Gruß. Denn wer es wagt, mit erhobener linker Faust und derart hinter dem Kopf verschränktem Schwert aus dem Schützengraben herausspringend dem Faschismus die Stirn zu bieten, hat dann und wann eine Ehrbezeugung verdient, so viel steht fest. Jürgen war ebenfalls zu früh dran und grinste mir auf den Zehenspitzen wippend entgegen.

Na“, sagte ich und „na“ entgegnete Jürgen.

Wochenende, wa?“ fragte er und ich sagte: „ja“.

Die Bar 25 hat ja zu jetzt.“

Ach echt?“

Ja, letztes Wochenende war letztes Wochenende.“

Warst Du da?“ wollte ich wissen.

Klar war ich da.“

Das war doch bestimmt endteuer oder nicht?“

Zehn Euro. Aber ich war gar nicht drinnen. Nur für Mitglieder. Der Türsteher war wieder mal voll ungepflegt, der hat einfach weiter gegessen, die Soße tropfte ihm noch aus dem Mundwinkel, und hat gesagt, mit meiner Gürteltasche komme ich da nicht rein. Wenn ich das gewusst hätte. Die sind mir da eh alle zu pseudo. Normalerweise nehme ich die ja vorher runter und tu die in den Ärmel. Wir haben das später noch mal versucht. War aber nichts zu machen. Ich hab meine Jungs die schon drinnen waren dann angerufen und raus geholt und wir sind auf den Mittelstreifen gegangen. Bei der Tankstelle ist ja auch günstiger.“

Party auf dem Mittelstreifen, bittere Pille. Nicht vorgelassen wegen Gürteltaschentragens. Klang abwegig, war aber bestimmt ein ausreichender Grund für die Bar 25 Tür. Vor allen Dingen wenn man den Türsteher nicht in Ruhe aufessen lässt. Blick auf die Uhr, zwei Minuten vor Punkt, kaum aufgeschaut und siehe da: Zeugwart Uwe stand mir gegenüber und ich sagte: „Na“, und „na“ sagte Jürgen und Uwe sagte etwas das klang wie „na“. „Ganz schön frisch heute Morgen.“ „Arbeit ist die wärmste Jacke.“ Und ehe wir das Gespräch beenden konnten trudelten Hamza und Manuela ein. Es konnte also losgehen und ich sagte „na“ und der gute alte Trott sagte „na“ und wir trotteten hin zu unserer Einsatzstelle, wie die Angestellten der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte am Ostkreuz, zu dritt nebeneinander, die Handtaschen in KaDeWe-Tüten tragend, zu kleine Rucksäcke auf breiten Männerrücken und Frau Hassel von Flur drei sagt zu Frau Hüppuff von Flur sieben: „na“ und Frau Hüppuff sagt „na“ und Frau Popp und so fort. Alles in Ordnung soweit, das nennt man MAE-Zufriedenheit und unser arbeitsloser Fahrlehrer Uwe fragte: „Was meint ihr, meint ihr man kann eine Taube überfahren?“

Klar, wenn die auf der Straße herumläuft“, entgegnete ich.

Hamza nickte bestätigend.

Nein, die kann immer noch weg fliegen. Ich habe das ausprobiert.“

Du hast dich auf die Lauer gelegt und bist losgerast wenn sich eine Taube auf der Straße niedergelassen hat?“

Nein. Das passiert ja immer wieder, dass eine Taube auf der Straße sitzt und meine Fahrschüler haben dann immer gebremst. Ich habe denen gesagt: Das bringt überhaupt nichts, zu bremsen, die können immer schneller abheben als du beschleunigen kannst. Das habe ich ausprobiert, wenn du bremst, fährt dir nur einer hinten drauf, das ist Gefährdung des Straßenverkehrs, Tierschützer sollen zu Fuß gehen.“

Die können doch ruhig Auto fahren, wenn sie die Taube eh nicht überfahren können?“

Aber die bremsen ja immer.“

Und wenn der Vogel einfach hocken bleibt?“

Du kannst da so nah und so schnell ran fahren wie du willst, die fliegen immer noch weg, bist du die schon berührst können die immer noch schneller starten als du fahren kannst. Die provozieren das nur bis zum Schluss. Das habe ich ausprobiert.“

Aber wenn die nicht weg fliegt?“

Die fliegt aber weg und wenn nicht, hat sie selber schuld, dann will sie nicht weg fliegen.“

Dann kann man sie überfahren?“

Nein, bis zum Schluss kann die weg, wenn sie nicht könnte würde sie da ja nicht sitzen und hätte schon vorher verloren gehabt. Auf Straßen können nur Tauben sitzen, die das können, außer die sind schon tot oder so gut wie.“

Hamza mischte sich ein: „Verstehst du, Tauben sind dumm und wenn die ficken sind die besonders dumm. King ist mal an zwei Tauben vorbei gelaufen, die haben vor unserem Hauseingang gefickt und King läuft so an denen vorbei und beißt der einen einfach den Kopf ab und die andere hat das nicht gemerkt und einfach weiter gemacht, verstehst du.“

King?“ fragte Manuela.

Rottweiler.“

Also man kann Tauben nicht überfahren, außer wenn sie so gut wie tot sind oder ficken“, stellte ich abschließend fest. So bewegte sich der Tag stramm in Richtung Bier. Meines wartete ja schon seit dem Aufstehen auf mich.

 

 

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