MAE Frühsport Teil 4
Ich saß da jeden Abend und passte auf, ich wusste bloß nicht worauf. Es war mir verboten, das Gebäude zu verlassen, es war mir sogar verboten, den dämlichen Glaskasten zu verlassen. Anfangs hatte ich es mir gemütlich gemacht: Thermoskanne ausgepackt, Stulle, Ärmel hochgekrempelt, mein Buch aufgeschlagen, war es gelassen angegangen gewissermaßen. Dann kamen die Jugendlichen. Sie kamen jeden Abend und sahen alle gleich aus, auch wenn sie selbstverständlich unterschiedlich groß waren und einige von ihnen einen Hut oder eine Kappe trugen. Sie bauten sich vor der Scheibe auf , stützten sich mit der einen Hand gegen das Glas während sie mit der anderen an ihrer Knopfleiste fingerten, meistens blieben sie mit dem Daumen unter der Gürtelschnalle hängen. Es waren wohl nur Sekunden, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis es dann so weit war und sie sich gegen die Scheibe erleichterten.
Als ich aufstand, um das treiben zu unterbinden, teilte man mir über Lautsprecher die Summe meiner Verfehlungen mit. Ich wurde beobachtet. Ich hatte die Kameras nicht gesehen, aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, es sei außer mir noch jemand im Raum. Ich konnte, auch wenn es albern klingt, die Beobachtung hören, so als laufe eine Maus hinter einem her. Es ist kein richtiges Geräusch zu hören, nur ein Huschen, man hört das Geräusch des Huschens der Maus und wenn man sich umdreht, ist sie verschwunden. Man ist versucht unvermittelt einen Schritt rückwärts zu machen, damit man sie unter dem Schuh spürt oder Quieken hören kann. So fühlte sich das an mit den Kameras. Man hört sie nicht direkt, man hört das Geräusch des Geräusches der Kamera. Das Geräusch Geräusch sozusagen. Ich war Wachmann und darum schien es auch in erster Linie zu gehen: Wach sein. Alles außer wach sein war verboten. Schlafen, Essen, Trinken, mit den Fingern auf einem imaginären Tastenfeld Klavier spielen, lesen, singen, Selbstgespräche führen, Bauchreden schwingen. Erlaubt war nur, wie ich heraus fand: sich ausgiebig unter den Schulterblättern kratzen und wenn im Zuge dieses Bemühens das Hemd aus der Hose rutschte, es wieder in den Bund stopfen, sowie vor Bewegungslosigkeit ins schwitzen geraten. Ich hatte nichts zu tun und wurde beobachtet, damit man mir alles verbieten konnte und wahrscheinlich wurde auch mein Beobachter beobachtet, damit ein anderer Beobachter ihm wiederum alles verbieten konnte und so weiter und so weiter. Bis hinauf zu Gott. Eine Beobachtungspyramide, an deren unteren Ende ich zu denen gehörte, die niemandem etwas verbieten durften. Denn als ich es nicht mehr aushielt, mich erhob, die Tür öffnete und die urinierende Bagage zusammenschrie wurde ich entlassen. Wegen Befehlsverweigerung. Ich hätte sitzen bleiben müssen oder vorher die Kamera fragen sagte man mir und ich entgegnete: „Lieber bitte ich um Entschuldigung als um Erlaubnis und niemand sollte generell etwas anderes von seinem Gegenüber erwarten.“ Tja, das war's dann gewesen mit meinem Job im Aufsichtsgewerbe und uns Uwe oder die Thiele würden keine andere Antwort von mir bekommen. So sieht's aus.




