MAE Frühsport Teil 3

Aber dann, zwischen zwei Lidschlägen, ließ mich eine kleine Unstimmigkeit aufmerksamer hinschauen. Eine Beobachtung, so winzig als wäre eigentlich gar nichts passiert. Die Blonde, auf der linken Seite sitzende, hatte sich erhoben und kehrte wenig später mit zwei Bechern in der Hand zurück, nun saß aber die Dunkle auf der linken Seite und die Blonde setzte sich auf den Platz an dem eigentlich bis eben noch die Dunkle gesessen hatte, diese war nur durch gerutscht, legte wie selbstverständlich die Hand an den Griff des anderen Kinderwagens, der doch bis eben noch von der Blonden bewegt worden war. Keine von beiden warf auch nur einen Blick in ihren oder soll ich sagen den anderen Kinderwagen. Das hatten sie auch vorher nicht gemacht. Mit einem mal war ich Hellwach und versuchte das Blinzeln auf fünfmal die Minute zu reduzieren, um ja nichts zu verpassen. Trüge ich Kontaktlinsen, sie wären fest getrocknet, so angestrengt hielt ich die Augen aufgerissen. Es dauerte nicht lange, bis sich beide voneinander verabschiedeten. Sie standen auf und marschierten in unterschiedliche Richtungen davon, jeweils den Kinderwagen schiebend, der zuletzt vor ihnen gestanden hatte. Sie hatten ihre Kinder getauscht, soviel stand fest.

 

Klassiker, dachte ich, wie Krimi, wie im Kino. Man kennt das: zwei unauffällige Herren, zwei gleiche Koffer. Die Kinderwagen hatten ja auch die gleiche Farbe gehabt. Wobei der eine mir eher dunkelblau erschienen war, fast schwarz aber noch dunkelblau und der andere ein diffuses grauschwarz. Aber mit Tendenz hin zu schwarz. Beide waren fast schwarz gewesen, das stand außer Frage. Ich überlegte was zu tun war. War etwas zu tun? Es ist doch nicht normal, das zwei Frauen, die fast gleich aussehen, zwei fast gleich aussehende Kinderwagen vertauschen und es ist vor allen Dingen nicht normal, dass daran nichts faul sein soll. Ich machte mich auf den Rückweg zu meiner Gruppe, ich war so oder so schon zu lange weg gewesen, hier gab es nichts weiter zu sehen, nichts was meine Fragen beantworten konnte.

Mein Arbeitsgerät lag noch genau da, wo ich es fallen gelassen hatte, die Gruppe war in der Zwischenzeit beinahe zehn Meter vorgerückt. Vorarbeiter Uwe sah mich scheel von der Seite an. „Das hat aber lange gedauert. Haste dein Wehwehchen gut gekühlt?“ fragte er, und genauso wie jeder der schon einmal eine Wohnung mit Außentoilette bewohnt hat weiß, was arschkalt bedeutet wusste ich wieder was eine bissige Bemerkung ist. Verrat lag in der Luft. Ich stellte mich zu den Anderen, um mich weiter dem Arbeiten in Zeitlupe zu widmen. Einmal hatte ich es gewagt, das Tempo anzuziehen, und war fast an Uwe vorbei gezogen. Die Anderen hatten sich davon nicht anstecken lassen, sie wussten wohl, dass es nichts bringen würde. Kaum war ich auf Uwes Höhe hielt er den Stiel seiner Hacke quer über den Weg und klopfte mir damit zweimal gegen das Schienbein. Zweimal, mir dabei einen Blick zu werfend, der mir verriet: Das dritte mal würde schmerzhafter werden. Ich glaube man gibt uns extra Unkrauthacken aus billigem, stumpfen Stahl, damit wir mehrmals ansetzen müssen. Es empfiehlt sich dabei, nicht die volle Breite des Stahlblattes zu benutzen, sondern das Werkzeug anzuwinkeln und nur mit der Kante zu arbeiten. Das muss man zum reinigen der Fugen auf gepflasterten Wegen so oder so auf diese Weise machen und die Kanten sind von den Steinen meist schon rasiermesserscharf zurecht geschliffen.

Meine Gedanken waren schneller als meine Bewegungen, was ich gesehen hatte, ließ mir keine Ruhe. Ich stieß mit meiner Hacke riesige Löcher in den Boden. Hatten die Zeitungen kürzlich von regelmäßigen Säuglingsdiebstählen im Krankenhaus Friedrichshain berichtet? Es musste irgendwo in diesem Vorfall Hinweise auf eine originellere, abseitigere These geben ,die mehr Sinn machte. Denk schneller, dachte ich, schneller und präziser. Ging es vielmehr um die Kinderwagen? Ein Wirtschaftsspionagering chinesischer Kinderwagenproduzenten, die sich auf diese Weise an die aktuellen Modelle im Szenekiez heranmachten? Warum gehen die nicht einfach auf eine Messe? Ich trat auf der Stelle und wie immer in solchen Situationen, wenn der Wille schneller will als die Möglichkeiten es gestatten, begann ich zu schwitzen. Nicht einfach bloß zu schwitzen, nein, ich duschte von innen. Riesige Tropfen rollten aus meinen Haaren, die Nase hinunter und klatschten vor meine Füße, ich goss den gerade gelockerten Boden. Ruhig, dachte ich, ruhig, du musst langsamer wollen, nicht alles auf einmal, dafür haben sie dich hier eingeteilt, das du aufhörst mit diesem ganzen weg und weiter wollen. Du kannst entspannt auf einer Bank pausieren ohne zu schwitzen, also kannst du auch: nicht an Uwe vorbei wollen und dabei trocken bleiben. Doch das war mir schon in meinem letzten Job als Wachmann in diesem Glaskasten am Hackeschen Markt nicht gelungen.

 

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