MAE Frühsport Teil 2

"Hey“, sagte ich, „das Mistvieh hat mich gerade gestochen“ und zeigte mit anklagender Geste erst auf die Wespe, die sich wieder zum tot treten bereit gelegt hatte und hielt dann meinen Arm in die Höhe, wo sich gerade ein kreisrunder roter Fleck bildete und die Stelle langsam verhärtete und zu schwellen begann. „Das muss gekühlt werden, ich bin dann mal weg“, ließ mein Arbeitswerkzeug fallen und machte mich auf den Weg zum Trinkwasserbrunnen, um meine Wunde in das kühle Nass zu halten, und vor allen Dingen, um einfach mal ein Stück Weg in einem vernünftig schnellen und deshalb  auch weniger anstrengenden Tempo zurückzulegen. Mir war nicht klar, dass ich damit Ereignisse auslösen würde, die mich bis heute in Atem hielten und wenn ich das gewusst hätte, ich hätte mich erst recht dazu entschlossen.

Der Park lag noch in Ruhe und Frieden in der Stadt herum, ein grüner, lappig ausgeworfener Teppich, der breit gelatscht werden wollte. Die letzten Frühsport-Läufer dehnten sich aus, eine erste Gruppe Erzieherinnen ließ ihre Schützlinge am sogenannten pädagogischen Bachlauf die Schuhe ausziehen,  auf dem Waldspielplatz wurden einer Schulklasse die Freuden des Sports experimentell und auf Englisch nahe gebracht, ein dünner alter Mann drehte sich mit ausgebreiteten Armen vor dem Café Schönbrunn um die eigene Achse, die ersten Schwangeren aus der angrenzenden Geburtsstation schlossen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen und erziehende Väter schoben ihre kleinen telefonierend vor sich her, eine Gruppe spanischer Touristen klingelte sich verwirrt mit ihren Fat Tire Bike Tour Rädern durch den Park. Sie hatten sich sicher verfahren und sehnten sich danach, ihre unbeholfene Fahrweise auf einer Hauptverkehrsstraße auszuprobieren. Kurz: Der Tag war optimal eingestellt und ich beschloss, mir am Kiosk einen Kakao zu holen, nachdem ich mich am Trinkwasserbrunnen ausgiebig gelabt hatte. Zwei Euro 90 für einen Kakao im Pappbecher, ich war Stolz auf meine mondäne Pausengestaltung. Jetzt hätte ich gerne schnell meine Deserts dazu angezogen. Die zwei Euro 90 hatten eine leicht seifige Note. Ich versuchte mich daran nicht weiter zu stören und ließ mich auf einer Bank nieder.

Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Weges, lagen Café und Kiosk Schönbrunn, so dass ich das beginnende treiben auf der Terrasse verfolgen und das passierende Publikum begutachten konnte. Dazwischen befanden sich rechter Hand, auf der Längsseite, noch drei Bänke. Auf der mittleren saßen zwei junge Damen. Beide trugen so etwas wie ein Businesskostüm, schwarze Hosenanzüge genauer gesagt, die eine blond, dunkelhaarig die andere. Zwillinge, dachte ich, zumindest Kleider- und Frisurenzwillinge, die Haare konnten gefärbt sein, man müsste die Gesichter genauer unter die Lupe nehmen. Die Köpfe einander zugewandt redeten sie und nickten, schoben dabei die Babykutschen mechanisch vor und zurück. Eine seltsame Szenerie. Sämtliche Darsteller bewegten sich mit einer derartig demonstrativ coolen Gelassenheit, als fühlten sie sich einem Pet Shop Boys Musical zugehörig, den koketten Eifer eines zu oft fotografierten Kindes im Gesicht. Die Angestrengtheit ihres Bemühens überzuckerte die ganze Kulisse zu einer Bühnenshow von Erasure: „I try to discover - A little something to make me sweeter...“. Das war's, ich würde für den Rest des Tages rosa Tüll in den Ohren haben. Ich war bereit mich meinem Schicksal zu ergeben. Gefangen im Volkspark Erasure.

 

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