MAE Frühsport Teil 1

Ich hätte sie totschlagen sollen, bevor sie mich erwischt hat. Eben noch kroch sie langsam meinen Unterarm hinauf, wahrscheinlich um Schutz zu suchen in meiner Ellenbeuge. Sie war ganz klamm, der Septemberwind hatte ihr sichtlich zugesetzt. Ich hatte sie mit einer einfachen Armbewegung abgeschüttelt, danach lag sie regungslos vor meiner Schuhspitze und ich hätte sie erledigen können, aber ich dachte, tja, das war's, heute kommt sie nicht mehr auf die Beine, oder besser: auf die Flügel. Dann hatte sie mich genau da erwischt, wo sie von Anfang an hin wollte: in meiner Armbeuge. Sie muss ihr Ziel diesmal direkt aus der Luft angesteuert haben. Ich bin lange nicht mehr von einer Wespe gestochen worden. Ich nehme an, das letzte mal als ich ein Kind war. Zumindest kann ich mich nur an das kindliche Gefühl des Schmerzes erinnern, gefolgt vom hervor schießen der Tränen und Mutters tröstende Worte, das Kühlen und Salbe auftragen.

 

Die vergangenen Wochen waren Wespenwochen gewesen. Voll von agilen, hungrigen, schweißgeilen Wespen, die von früh bis spät um uns herum schwirrten. Jetzt wurde das Wetter langsam rauer und das Ende aller Wespen, zumindest was dieses Jahr anging, rückte näher. Die restlichen arbeitslosen Arbeiterinnen verbrachten ihre verbliebene Zeit nutz- und heimatlos, nur auf der Suche nach Nahrung für die letzten Tage. Man soll sie am besten nicht beachten, sagt man, das Essen abdecken, möglichst nicht schwitzen, nicht durch heftige Bewegungen verscheuchen, sondern beharrlich ignorieren. Eine unausgesprochene Vereinbarung des gegenseitigen Übersehens. Eine einfache Übung, wir halten uns jeden Tag daran. Wir schauen die anderen Leute nicht an und sie schenken uns keinen Blick. Es ist ihnen schon unangenehm, uns auszuweichen. Ich erkenne die regelmäßigen Jogger an ihrer Art zu laufen, registriere sie von weitem, sie haben feste Wege zu festen Zeiten, aber ich schaue nicht auf, wenn sie an uns vorbei laufen und sie haben ja zu tun. Im Gegensatz zu uns. Die anderen laufen vor der Arbeit schnell eine halbe Stunde, trainieren für den Berlin-Marathon, was weiß ich, sie sind vor der Arbeit schon beschäftigt und unsere Arbeit besteht genau darin, so zu tun, als hätten wir zu tun. So sieht´s aus. Wir sind die MAE Frühsportgruppe, weil wir in der Früh aufstehen und den anderen beim Sport zusehen. Wir sind die Wespen, man schaut uns besser nicht an. Dabei können wir gar nicht stechen. Aber wer weiß?

Wir machen das Unkraut. Wir stehen auf den Wegen mit Harke und Hacke und ziehen das Unkraut aus den Ritzen. Früher hätten sie Unkraut-Ex genommen, einmal drüber und am nächsten Tag wegfegen. Heute haben sie uns. Sie haben uns hier über die Wege gegossen wie Unkraut-Ex, wir dürfen nur nicht so schnell sein. „Bin schon fertig“ gilt nicht, da steht Uwe davor und zwar immer genau zwei Schritte vor der Gruppe, seine grüne Arbeitsjacke über den Stiel seiner Hacke gehängt und raucht. Kommt ihm einer der Übrigen zu nahe zieht, er sie mit trägem Gleichmut kurz über und macht sich am Rand des Weges zu schaffen, bis der alte Abstand wieder hergestellt ist. Wir machen die volle Breite, Uwe macht den Rand. Uwe wacht nicht nur über das Tempo sondern auch über das Gerät. Bei Arbeitsbeginn nimmt er die Besen, Harken, Schaufeln oder Hacken entgegen, zählt sie zweimal durch und teilt sie dann leise murmelnd an uns aus. In meiner ersten Woche hielt ich das noch für eine auf Verzweiflung und Unterforderung basierte Amtsanmaßung bis ich heraus fand, dass tatsächlich so etwas wie eine Hierarchie auf inoffizieller Ebene existierte. Uwe ist nämlich ganz besonders dick mit unserer Sozialtante Frau „hallo ich bin die Julia“ Thiele. Frau Thiele ist eine von den scheinfreundlichen. Das heißt, je weniger man mit ihr spricht, um so freundlicher erscheint sie einem. Am besten man richtet nach ihrer „hallo, ich bin die Julia!“ Begrüßung kein weiteres Wort an sie. Ich hoffe ihr Göttergatte hält sich auch an diese Regel, ich müsste ihm ansonsten ein Ende mit Schrecken prophezeien. Der einzige von uns, der ihren Verlautbarungen mit Bravour begegnete, war ausgerechnet Hamza mit seinem: „verstehst du, Frau Thiele, ich verstehe das nicht, warum?“ Das wirft sie jedes mal über den Haufen, sie bekommt dann einen Blick wie eine kinderlose Tante, die versucht sich mit ihrem fünfjährigen Neffen über Fußball zu unterhalten, etwas zu überartikuliert und zu langsam und man sieht ihr die ganze Zeit an, wie sie denkt: „Der muss sich doch für Fußball interessieren, ist doch ein Junge, verdammt! Warum versteht der mich nicht?“ Aber warum soll sich ein fünfjähriges Kind mit einer ungeduldigen Erwachsenen über Fußball unterhalten, die vielleicht von allen anderen Dingen des Lebens Ahnung hat, aber genau nicht von Fußball? Hamza spricht in bestimmten Situationen einen speziellen neuköllner Dialekt, den sie nicht versteht, weil sie eben genau diese Tatsache nicht begreift und sich stattdessen lieber selber unverstanden fühlt. Sein „verstehst du warum?“ bedeutete nichts anderes als „wie bitte“?

Uwe war der Einzige, der so eine nach Grünflächenamt aussehende Arbeitsjacke besaß, wahrscheinlich hatte er sie sich schon den Sommer davor gleich von seiner ersten Mehraufwandsentschädigung angeschafft, zusammen mit seinem guten Draht zu Frau Thiele. Den musste er ja auch irgendwo her haben. Ich hatte Arbeitsschuhe beantragt und auch bekommen, denn ich wollte mein letztes Paar sogenannter guter Schuhe nicht ruinieren. Die Desert Boots hatten schon ordentlich Zeit abbekommen. Beim Warten auf den Cut&Go-Haarschnitt hatte ich in der Gala gelesen, dass die ja runtergerockt erst richtigen rock and roll sind und in dieser Hinsicht waren die also gerade optimal und solchermaßen als Style-Werkzeug für besondere Anlässe reserviert. Auch wenn diese Anlässe selten sind, fehlt mir doch das nötige Kleingeld, um bei mir vor der Haustür am großen Brunch-Rundlauf durch Friedrichshain mitzumachen. Jedenfalls wollte ich die schonen und nicht vollständig zertreten. Zu den neuen Schuhen, die auch nach vier Monaten noch wie neu aussahen, trug ich eine alte abgetragene schwarze Röhrenjeans und mein altes Soft Cell Shirt aus den achtzigern, welches mir erstaunlicherweise immer noch passte. Früher hatten wir Dr. Martens oder Springerstiefel dazu getragen. Nun gut, die Arbeitsschuhe hatten eine ähnlich grobe Optik. Solcherart verkleidet als ein Wesen aus einer anderen Zeit fühlte ich mich jedenfalls besser gewappnet und vor allen Dingen besser angezogen als Kollege Uwe mit seiner Joppe. Wenn man keine Zukunft hat und auch in der Gegenwart keinen Logenplatz einnimmt bleibt einem eben nur die Vergangenheit und wenn man eine große hatte, sollte man die auch vorzeigen und die Soft Cell Zeit war definitiv eine große Zeit gewesen.

Immer am Montag bekommen wir die Einsatzpläne für die Woche und dann muss man sich die Arbeit so einteilen, dass man bis Freitag damit zu tun hat. Wenn man die Anweisung bekommt, um den kleinen Teich herum das Unkraut zu machen, dann ist es nicht leicht, das eine Woche durchzuhalten, denn es geht um eine Weglänge von vielleicht vierhundert Metern. Optimistisch geschätzt. Es könnte auch wesentlich weniger sein, ich habe kein Gefühl für Entfernungen, zumindest was die Streckenlänge angeht. Ich kann nicht in Metern schätzen, ich spüre nur Sekunden und wir haben definitiv zu viele Sekunden zur Verfügung, um den kleinen Teich zu umrunden. Wir sind insgesamt zu fünft, also quasi so viele Leute wie Arbeitstage. Wir absolvieren einen vierhundert Meter Lauf in fünf Tagen. Da wächst das Unkraut schneller hinter uns her, umrundet uns und feixt wie Usain Bolt hinter der Ziellinie. Da kommt einem eine verletzungsbedingte Pause gerade recht und ich beschloss, eine große Sache aus dem Stich einer kleinen Wespe zu machen.

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Frühstück

bratwurst

Frühstück: Selma

Rawioli

Ansturm auf das ÖA-Büro
Statt Warteschlange - Was wollt ihr lieber?
 
MAE-Umfrage
Wie findest Du die MAE-Frühsport-Gruppe?
 
Kiez-Umfrage
Kurtaxe für die Simon-Dach-Straße?