MAE Frühsport Teil 15Ich sah ihn an. Leider kein schütteres Haar, dachte ich. Er sah mich an, dachte was. Wir sahen uns an, erst in die Augen, dann einander auf die Zehen, seine hoben und senkten sich ungeduldig oder nervös, meinetwegen auch gelangweilt oder vor Freude. Keine Frage, wir benötigten einen neuen Einstieg ins Gespräch. Er hatte es versaut, nicht ich, wer den ersten Versuch in den Sand setzt, der sollte den zweiten nicht anderen überlassen. Es dauerte, er nahm einen weiten Anlauf. „Ich war letztes Wochenende in Cottbus, Kerstin besuchen, die ist da am Staatstheater, für eine Spielzeit. Tobi war auch mit, der schreibt jetzt für Springer, sein erstes Praktikum war Junge Welt, danach die Jungle World, taz, jetzt Springer. Ich finde das Konsequent. Ich glaube ja auch das dass langfristig die beste Strategie ist, mit den Konservativen, den bürgerlichen Konservativen, auf Evolution zu setzen statt auf Revolution. Von daher ist das Konsequent. Tobi bei Springer, wie findest du das?“ Fragen die man kurz und knapp mit „Scheiße“ oder „was für ein Schwachsinn“ beantworten kann, taugen ebenso wenig wie Beleidigungen, eine entspannte Konversation mit alten Bekannten voran zu treiben und ich beschloss, dem ein Ende zu setzen, es hinter mich zu bringen: „Und du, was machst du?“ Und los ging’s. Er würde weit ausholen, das stand fest. Seine Lippen bewegten sich, ich spiegelte mich in seinen Augen und wir saßen am Wasserturm, Bernard, Tobi und ich. Im Wronski, Anita Wronski, ein ganz beschissen normales Café, aber eines der wenigen und für uns reserviert und um uns herum und in uns drin das ganze wunderschöne doofe Leben, egal und wunderschön, weil in uns drin und um uns herum. Auf Ecstasy über Ecstasy reden, das ganze Drogengeplapper: Warum Koks so doof ist. Warum Speed so viel geiler ist: weil auf Speed das aufhören nicht denkbar ist, eine Fahrt im Panzer ohne links und rechts und hinten, kein zurück, immer geradeaus und geradeaus ist, wo vorn ist und vorn ist, wohin man blickt, diese Beschränktheit nach vorne. Gemeinsam wach sein, um wach zu sein, wir dachten das würde genügen. Unter dem Pflaster kein Strand, unter dem Pflaster der Bass. Wir hatten den gleichen Ansatz, sind dann aber unterm Strich auf sehr unterschiedliche Weise keine Hippies geworden, dachte ich, bemüht Bernards Ausführungen zu folgen. Hundert hüpfende Gummibälle in der richtigen Reihenfolge nacheinander auffangen, nahezu unmöglich. „Beratervertrag“, hörte ich ihn sagen, „Großprojekt, regenerative Energien, die Rettung der Welt, der größte Business Case unserer Zeit…“ Irgendwann war er einfach fertig. Letzter Satz, fertig, nichts womit ich was anfangen konnte. „Und du, was machst du schönes? Hinter der Bar stehst du doch wohl nicht mehr und mit Dielen abschleifen kann man ja heutzutage auch kein Geld mehr verdienen!“ Die Gegenfrage, charmant vorgetragen. „Na ja, ich habe da so ein Projekt, da arbeite ich mit, Urban Gardening heißt das offiziell, aber ich würde sagen Urban Farming trifft es eher. Es geht darum den Stadtraum als Agrarraum zu entdecken und über die gemeinsame landwirtschaftliche Bewirtschaftung urbaner Grünflächen gewissermaßen die Dorfgemeinschaft in die Stadt hinein zu holen. Unser Ziel ist es langfristig den selbstversorgerischen Ansatz mit dem wir gerade experimentieren zu überschreiten und Parks, Bahndämme und städtischen Brachen kommerziell zu bewirtschaften. Gerade sind wir im Volkspark Friedrichshain unterwegs, schauen was am Wegesrand so wächst und nehmen Proben. Wir haben die Förderung jetzt für ein halbes Jahr bekommen, mal sehen.“ Er sah mich an, schüttelte den Kopf. Ich sah ihn an. Wir sahen uns an. Er klopfte mir auf die Schulter. „Pass auf dich auf“, sagte er, eilte davon, suchte sich ein anderes Gespräch, stellte sich irgendwo dazu.
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MAE Frühsport Teil 14Sie lag ja auch goldrichtig damit, es war nichts passiert. Jedenfalls nicht mir. Aber ich war ganz dicht dran gewesen, als etwas passierte, so dicht dran am geschehen, dass es mich hineingezogen hatte, vom Beobachter zum Verfolger zum beinahe Beteiligten. So dicht dran, dass es Überwindung kostete, sich noch eine Weile zurückzuhalten. Davon zu erzählen, Biggi einzuweihen, wäre der nächste logische Schritt gewesen. Tag für Tag hatte ich unter dem genannten Vorwand die Gruppe verlassen und, gleiche Zeit gleicher Ort, Posten bezogen, mich ansonsten ruhig verhalten, auf jegliche Verfolgung der Verdächtigen verzichtet. Viele andere waren täglich anwesend. Der Spatzenmann, der, stets pünktlich, mit freiem Oberkörper, das T-Shirt in den Gürtel gehängt trotz des inzwischen herbstlich zu nennenden Wetters, die Treppen des kleinen Bunkerbergs hinab stieg, um auf seiner Bank Platz zu nehmen. Er sitzt eine Weile, greift dann in die Seitentaschen seiner Hose nach den Brotkrumen, wirft einige vor sich, den Rest in der hohlen Hand, lässt erst die Spatzen kommen, öffnet dann die Hände und während sie sich darauf stürzen, immer mehr, eine Wolke, lacht er und lacht, lehnt sich anschließend zurück, setzt seinen Weg fort.
Er und ich, die anderen, wir regelmäßigen, umgaben das Geschehen, gehörten dazu. Das ist alles in meinem Berichtsheft nachzulesen, ich habe die gesamte Szene, die vollständige Kulisse mit wirklich allen Beteiligten sorgfältig dokumentiert. Ebenfalls die Ergebnisse meiner Suche nach den Hinterfrauen der Prenz’lberger Mama Agentur. Spärlich und gerade aus diesem Grund beunruhigend. Es gab einen Internet Auftritt: Ein Katalog freundlicher Frauengesichter, sogenannte „Hol und Bring Angebote“, Preise „aufwandsabhängig nach Absprache“, eine Mobiltelefonnummer, keine Adresse, keine Postanschrift, keine Firmenkennzeichnung wie GbR oder GmbH, keine Liechtensteiner Stiftung. Wer vertraut sein Kind einem Mobiltelefon an? Und wie sollte ich diese hanebüchene Geschichte zur Sprache bringen, ohne mich zum Trottel zu ernennen? Diese Geschichte hatte keinen ersten Satz der nicht geklungen hätte wie aus dem Drehbuch einer Vorabendserie abgeschrieben. Also sagte ich weiterhin nichts und Biggi fragte mich nichts und auch ich fragte Biggi nichts, weil mich das nicht Erzählen können irgendwie blockierte. Diese Party machte es nicht einfacher. Champagner und Trüffel für alle, Koks für die Freunde vom Kameramann, Gänsemarsch ins Separee, danach ausschwärmen und loslabern, auf Strümpfen wohlgemerkt, weil Parkett. Biggi und ich hielten uns gerade: Stumpf stehen, stumpf trinken, nicht spähen, nicht winken. Warten auf einem stillgelegten Bahnsteig. Ich bückte mich gerade um eine weitere Flasche vor meinen Füßen zu platzieren, als ein Paar Burlington Socks direkt vor meinen Augen die Ankunft Bernards verriet. Er hatte sich überhaupt nicht verändert, jedenfalls nicht strumpfmäßig, dachte ich und ahnte, wie es oben rum weitergehen sollte: vierhundertundvierzig Gramm schwerer original Harris Tweed, gelbbeige mit hellblauem Überkaro standen vor mir, dazu ein blassrosa Hemd, hellbrauner Schal mit gelbem Karo. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber ich dachte mir die fehlende Barbour Jacke über dem Sakko einfach dazu. „Mensch“, rief er, „Biggi, wie geht’s, was machst du?“ klopfte erst ihr auf die Schulter, dann mir, wedelte mit seinem Champagnerglas, wies auf die Batterie leerer Flaschen auf dem Parkett, sagte: „Und, Rüdiger, du immer noch Bier-Proletarier?“ (Tja, hier folgt eine unangenehme Gesprächspause, die sich quälend lange hinzieht, bis nächsten Montag genauer gesagt) MAE Frühsport Teil 13Der Kameramann stand in der Tür, ein Glas in der Hand, sah erst mich an, dann an mir vorbei die Treppe hinunter. „Biggi kommt nach?“ Keine Frage, eine Feststellung. „Ja“, sagte ich, „gleich“ und begann, mir den Straßendreck von den Sohlen zu treten, länger als es nötig gewesen wäre, bis er endlich, sich abwendend, den Eingang frei gab, mir noch ein Wort über die Schulter zuwarf: „Parkett.“ Einfach so. „Parkett.“ Nichts weiter. So schlimm hatte ich es nicht erwartet, doch ich leistete Folge, entledigte mich meiner Schuhe, bereit wildfremden Menschen auf Strümpfen gegenüber zu treten.
Der Eingangsbereich war durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgeteilt, dahinter tat sich ein Raum auf, so riesig, dass selbst die Tafel in der Mitte, die annähernd 30 Personen Platz bot, verloren wirkte. Glasfront mit Spreeblick, offene Küche, einige Stellwände markierten Reviere, das Bett, einen Arbeitsplatz, drei kleine Sessel, ausgerichtet nicht auf einen Fernseher, sondern auf eine Kaffeemaschine mit eigenem Wasser- und Starkstromanschluss an der dem Eingang gegenüberliegenden Schmalseite. Abgesehen von Biggi fehlten noch all die anderen, gerade vier Personen tummelten sich am Tisch, kommunikativ über Eck gesetzt. Der Hausherr hatte zu tun, es sollte Essen geben, Serrano-Schinken am Stück zum selber herunter schneiden, üppige Wurst- und Käseplatten, Brot- und Obstkörbe, Wein stand bereit. Was sollte ich machen? Ich war früh genug, um bei den Pünktlichen sitzen zu müssen, ich konnte mich schlecht am anderen Ende der Tafel niederlassen. Die pünktlichen, das sind zum Beispiel Eltern, die ihre drei Kinder mitbringen. Das Jüngste ist zwei Jahre alt und wird noch gestillt, deshalb kann man es nicht zu hause mit Babysitter abparken. Man muss einem Kind, das „Titten“ sagen könnte, hätte man es ihm beigebracht, in aller Öffentlichkeit die Brust geben. Eine kleine Frau neben mir nippte fleißig an ihrem Weinglas und plauderte mit einem gegenüber: „Prosa sagt mir nicht so zu, das halte ich für Zeitverschwendung, ich lese lieber Erfahrungs- und Lebensberichte, die sich mit den Minderheiten anderer Kulturen beschäftigen“, vernahm ich und schickte einen Stoßseufzer gen Himmel. Ich saß zweifelsohne bei den anders Begabten. Nicht einmal der Gastgeber und Kameramann wollte sich zu uns gesellen. Hin und her laufend rückte er Gläser zurecht und wieder zurück, richtete Teller und Servietten neu aus. Die Pünktlichen sind die Behinderten auf den Partys, man stellt auf dem Stuhl neben ihnen die Handtasche ab, bevor man sich verschämt niederlässt. Sie haben komische Angewohnheiten, sie kommen alleine und zu früh und wissen nicht wie der Kameramann heißt. Ansgar? Arne? Fridolin? Ich kannte ihn vom saufen mit Biggi, war ihm schon auf andern Partys begegnet. Ich war auf seiner Party, weil Biggi mich angerufen hatte. Wie jeden Freitag. Ein Freitag ohne Anruf von Biggi ist kein Freitag, danach gibt es keinen Samstag, wenn sie nicht anruft, freitags gehe ich hin, wo Biggi hin will, das war schon immer so, seit wir uns kennen, außer sie hat die Stadt verlassen. Heute also hier. „Bernard kommt auch, der ist das Wochenende in der Stadt, das wird lustig, weißt du noch, Bernard?“ Ohne eigenen Vorschlag ließ sich schlecht nein sagen und ja, ich wusste noch, Bernard. Eigentlich Bernhardt, mit dt, gebürtiger Bremer. Hatte sich erfolgreich hochstilisiert zum Halbfranzosen mithilfe seines Stiefvaters aus der französischen Schweiz und seiner Sprachbegabung. Bernard statt Bernhardt, immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die Blumen des Bösen im original in der Tasche, später Derrida, Foucault, Deleuze. Jetzt in einer französischen Wirtschaftskanzlei vorne dabei. „Und, woher kennst du den Arnulf?“ Das galt mir. „Och so halt. Gibt’s eigentlich auch Bier?“ „Oh, Bier? Nein, das weiß ich nicht.“ „Guck ich mal“ und weg war ich. Große Wohnung gleich weite Wege gleich Zeitgewinn. Die ersten Nichtbehinderten trudelten ein, wie es sich für normale coole Leute gehörte in Gruppen und, als hätten sie sich abgesprochen, kurz hintereinander. Ich blieb beim Bier in der Deckung. Erst eine, dann zwei leere Flaschen neben mir auf dem Parkett. Biggi kam. Wir tranken schweigend im stehen. Wenn sie mal fragen würde, dachte ich, wenn sie mich fragen würde: „Was macht der Park?“ Oder einfach nur „und?“ Ich hätte etwas zu erzählen, aber sie geht davon aus, dass es nichts gibt, dass nichts passiert. frühsport schlottertdiese woche fällt der frühsport leider aus. wie auch der schulunterricht im käthe-kollwitz-gymnasium in pregnancy hill, dort wird in den klassenräumen trotz heizung nicht mal eine temperatur von 18 grad celsius erreicht. 20 grad sind vorgeschrieben. nachzulesen im rundschreiben über den betrieb von heizungs-, warmwasser und raumlufttechnischen anlagen (rlt-anlagen) in gebäuden und einrichtungen der berliner verwaltung. veröffentlicht im dienstblatt des Senats von berlin vom 28.8.2002. temperaturen von nicht mal 18 grad celsius! um dieser marke eine winzigkeit näher zu kommen benötigen wir in unserem büro dringend einen kühlschrank. er müsste groß genug sein für vier pesonen, ebenso viele pc, einige telefone, stift und zettel. Im sommer, wenn wir da nicht mehr zum arbeiten rein müssen, sollte er ordentlich mit bier befüllt sein. wenn jemand so einen kühlschrank abzugeben hat, dann kann er ihn gerne hier abliefern. heute aber nicht, heute hat die frühsportgruppe einen freien tag. wir machen uns jetzt eine woche warm und treten nächsten montag wieder an.
MAE Frühsport Teil 12„Wo geht unsereiner eigentlich hin, wenn er aufs Klo muß?“ Ich ließ die Frage beiläufig fallen, wie man es macht, wenn ein dringendes Bedürfnis allen bekannt gemacht werden soll, ohne es explizit zu benennen. Es war kurz nach halb elf und der Tag strebte seinem Höhepunkt entgegen. In der linken Gesäßtasche steckte mein kleines, feines, zusammengeschustertes Notizbuch, den Kugelschreiber hatte ich an den Halsausschnitt meines T-Shirts geklemmt. Mit jeder Bewegung konnte ich die Ausrüstung spüren, das verlieh dem unsinnigen Unkrautjäten eine über die Tätigkeit hinaus weisende Bedeutung.
MAE Frühsport Teil 11Das Signal sprang um, der Wagen preschte davon, nur wir blieben stehen. Warum? Wir hielten gar nicht an der Ampel, ein Missverständnis, zumindest jetzt nicht mehr, jetzt hielten wir an der Haltestelle, die Türen hatten sich gerade erst geöffnet. Das übliche Geschiebe, ich sank auf einen gerade frei gewordenen Sitz. Normalerweise haben bei Beschattungen Verfolger und Verfolgter ein gemeinsames Ziel: das des Verfolgten. Der eine will dorthin und der andere will wissen, wo der andere hin will. Das Ziel der Verfolgung ist das Ziel des Verfolgten. Die Vorgehensweise ist klar: man fährt, rennt, kriecht oder fliegt hinterher. Sofern die nötigen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Ich saß in der Straßenbahn. Zusammen mit anderen Leuten, die ebenfalls ein Ziel verfolgten. Zu diesem Zweck haben sie sich zusammen geschlossen, nicht um gemeinsam irgendwohin zu fahren, eine Notgemeinschaft, ein beschissener Kompromiss. Man kann keine vernünftige, ordentliche Beschattung durchführen, wenn man fortwährend Kompromisse eingehen muss. Allein dass der Fahrschein bloß in eine Richtung Gültigkeit hat, ich hatte mir, Gott dies gedankt, vorausschauend eine Tageskarte gegönnt, aber das nützte in dieser Situation auch nicht viel. Die Haltestelle, der Fahrplan: Alles Kompromisse, all die anderen Menschen, wartende, sitzende, stehende, drängelnde Kompromisse. Mit Kompromissgesichtern lässt sich nichts erreichen, kein Ziel, kein neuer Morgen. Schon gar nicht mit der Straßenbahn, die fährt auf Kompromissschienen, ein Bus wäre wenigstens in der Lage, seine Spur zu verlassen, die Tram sollte Kompromissbahn heißen, so sieht’s aus. Es war an der Zeit, strukturiert vorzugehen, einen umfassenden Plan auszuarbeiten. Ich musste mir das Nummernschild merken: Mum 666. Mum 666. Wo wohnt die Mutter des Teufels? In München, wo sonst. Des Teufels Mutter wohnt in München. Ein Detektiv braucht ein Notizbuch, will er den Teufel besiegen in der Gestalt der Prenz’lberger Mama Agentur, ich hatte keins, ich saß in der Kompromissbahn und sagte mein Mantra gegen das Vergessen auf: Mama Agentur, des Teufels Mutter wohnt in München, Mama Agentur, wo wohnt des Teufels Mutter? Und so weiter und so weiter. Ich sah auf die Uhr, das hatte ich im Park versäumt: 11:30. Die Rennerei, die Warterei, in den nächsten Tagen musste ich gegen 10:45 auf Posten sein, eine halbe Stunde Zeit schinden, mich von der Gruppe entfernen, auch das gehörte in mein Berichtsheft, das ich nicht hatte. Das Kompromissgesicht auf dem Sitz gegenüber blickte mich unverwandt an. Merke: Merke dir Merksätze leise, nicht halblaut, schon gar nicht wenn sie von der Mutter des Teufels handeln. Was soll's, dachte ich, schließlich habe ich für den Rest des Tages einen freien Tag, fuhr nach Hause, setzte mich wieder zu den Zeitungen auf den Boden der Küche, arbeitete sie ein zweites mal durch. Ich schnitt einige lose Blätter zurecht und bastelte ein Notizbuch, für den Einband benutze ich eine herumliegende Pappverpackung, ein Streifen Gaffer sollte es zusammen halten, wie es den Riss in meinem Kaffeefilter flickte, den Lochfraß meiner Strickjacke verdeckte und meine gebrochenen Schuhsohlen fixierte. Mit Gaffer lässt sich alles machen, Pflaster des Lebens.
MAE Frühsport Teil 10Neue Fragen waren zu stellen, originelle Antworten zu finden. Eines war klar: Ich musste feststellen, ob sich die beiden regelmäßig trafen, woher sie kamen und wohin sie gingen. Doch zuerst war herauszufinden, wann sie sich trafen, wenn sie sich trafen, mein Gedächtnis für Uhrzeiten war mir abhanden gekommen. Völlig unklar zu welchem Zeitpunkt Dinge geschehen, sie kommen und gehen wie die morgendlichen Jogger, einige laufen im Kreis und man mag es sich nicht merken, wann sie heute schon einmal da waren, ob sie ihre dritte Runde laufen, ihre fünfte. Frühsport absolviert, jawoll, der nächste bitte, ist der Tag bald rum? Nein? Ach doch, wie schön. Es besteht also kein bedarf an Uhren und sie lassen mich im Regelfall auch stets in Ruhe, morgens der Wecker, das war’s dann schon.
An diesem Tag war alles anders, die berühmte innere Uhr schlug, nicht zu jeder vollen Stunde, das nicht, nein, aber sie schlug, klopfte, hämmerte mir ins Gehirn, dass ich mich sputen müsste, wenn ich in Erfahrung bringen wollte, wann die beiden Kinderwagenfrauen sich trafen, nämlich genau jetzt. So schnell es die öffentlichen Verkehrsmittel zuließen, eilte ich in Richtung Volkspark, zweimal musste ich umsteigen, Gedrängel, Gerenne, an Haltestangen geklammerte Ungeduld. Vollkommen erledigt vor Aufregung sprang ich an der Paul-Heyse-Straße aus der Tram, betrat den Park folglich von der östlichen Seite, den Sportplatz überquerend und lief über den kleinen Bunkerberg zum Milchlammbüffet Schönbrunn. Da waren sie wieder, dieselben beiden gleich aussehenden Frauen mit Kinderwagen. Ich kam nur etwas zu spät. Wenn sie wieder getauscht hatten, dann war die Angelegenheit schon über die Bühne gegangen, gerade verabschiedeten sie sich mit Prenzlauer Berg Küsschen links und rechts auf die Wange und liefen in entgegen gesetzter Richtung auseinander. Ich musste mich entscheiden, welcher der beiden ich folgen wollte und wählte die aus, die sich auf die Straße am Friedrichshain zu bewegte, die Kniprodestraße entlang, auf die Danziger Straße zu, von der ich gerade gekommen war. Sie überquerte die Fahrbahn, blieb auf der Ecke stehen und wartete offensichtlich auf jemanden. Ich bezog an der Straßenbahnhaltestelle Posten. Ein schwarzer BMW stoppte, eine Frau vermutlich mittleren Alters stieg aus. Mit wenigen Handgriffen wurde der Liegekorb vom Fahrgestell abmontiert und wohl als Kindersitz auf der Rückbank befestigt. Zum Abschied schüttelten sich beide die Hand, die Türen schlugen zu, der Wagen fädelte sich wieder in den Verkehr. Die Tram fuhr ein und ich sprang hinein noch bevor jemand aussteigen konnte. Großer Fehler, Empörung blockierte die Türen, es war eine Durchsage des Fahrers vonnöten bis wieder Disziplin unter den Leuten herrschte und wir abfahren konnten. Alles kam auf die Ampelschaltung an, den Wagen wieder zu erkennen sollte kein Problem sein, das Nummernschild war gut zu sehen gewesen: M-UM, Teuflischerweise konnte ich die vierte Ziffer nicht erkennen, die ersten drei lauteten: 666. MUM 666. Schnell schob ich mich von hinten bis ganz nach vorne an die Zugspitze durch, um noch ein paar Meter gut zu machen und ich lag goldrichtig. An der nächsten Ampel kamen wir direkt neben dem Wagen zu stehen. Ich kniff die Augen zusammen um den Aufkleber an der Heckscheibe lesen zu können: „Prenz´lberger Mama Agentur“. MAE Frühsport Teil 9Kreuzung Berliner Straße, Bundesallee. Das absolute Nichts. U-Bahnhof Berliner Straße. Stadtteile die man nicht auf der Rechnung hat. Wo die berühmt berüchtigten Wilmersdorfer Witwen wohnen sollen. Keine da, alle auf´m Kudamm, bloß weg hier. Ich wollte noch etwas erledigen, eine Kleinigkeit, hastete die Treppe hinunter, geriet ins Stolpern. Vom Rennen ins Gehen zu wechseln, ist anstrengender als umgekehrt. Hier scheint in der Evolution der Fluchtreflex über die Langsamkeit funktional gesiegt zu haben. Ist auch sicherer so, kluge Evolution. Ich hatte die Informationsveranstaltung eines sogenannten Bildungsträgers besuchen müssen. Das halbe Jahr MAE sollte einen 20prozentigen Qualifizierungsanteil beinhalten, ich hatte mich diesbezüglich zurückgehalten, wurde aber auf der letzten Gruppensitzung von der Thiele nachdrücklich aufgefordert, zumindest diese Veranstaltung zu besuchen. „Sehen Sie, das ist ja auch für Sie ganz gut, da fahren Sie hin für zwei Stunden, wir tragen Ihnen hier die volle Stundenzahl ein und für den Rest des Tages haben Sie dann einen freien Tag.“ Zwinker, zwinker, Kumpanei.
Aufgereiht wie Grundschüler in der Aula, scharrende Füße, tuscheln. So eine Federmappe hätte ich auch gerne, schön rot, wie kann der sich Filterzigaretten leisten, ist wohl noch ALG1, hat wohl gut verdient bis hierhin, keine fremde Steuermarke jedenfalls. Auf ihren Webseiten präsentieren sich diese Träger weiß und lichtdurchflutet, sparsame Farbakzente, Pastelltöne. Die Bürger für Bürger gGmbH, Badensche Straße, ein siebziger Jahre Zweckbau, nach außen verspiegelte Fenster, blind. Eingerahmt von McFit und einer Filiale der Landesbank. Gebäude die aussehen, als atmeten sie kalten Rauch. „Karrieren in Bewegung“, das hieß zunächst warten, ob weitere Teilnehmer kommen würden, die erste Stuhlreihe war bisher frei geblieben, da ging noch einiges. Während der Wartezeit Rauchen. Ich stellte mich nicht vor den großen mit Sand gefüllten Aschenbecher zu den anderen, ich wählte den Eingang der Landesbank. Nicht das ich mich schämte zu den Kaputten zu gehören, das nicht. Richtig ist dass ich nicht dazu gehören wollte. Schämen tat ich mich trotzdem und zwar fürs nicht dazu gehören wollen. Mit einer Viertelstunde Verspätung endlich kamen die Karrieren in Bewegung. Kaum war´s vorbei nahm ich die Beine in die Hand. Ab in den Volkspark, ich musste einem neuen Hinweis nachgehen, die vertauschten Kinderwagen betreffend. Ich hatte das Wochenende überwiegend auf dem Küchenfußboden verbracht, alte Zeitungen lesend. Aus Frust über den verdorbenen Abend mit Biggi, aus Langeweile. Musik, Tee mit Rum und bis dato überlesene Schlagzeilen: „Nomaden mit Mobiltelefonen“, einleuchtend, Festnetz macht bei Nomaden keinen Sinn, entweder sie wandern von Telefonzelle zu Telefonzelle oder sie brauchen Mobiltelefone. Die Ukrainische Obdachlosen-Auswahl hatte den „Homeless Worldcup“ im Straßenfußball gewonnen, herzlichen Glückwunsch. Das Reise Ressort reimte sich um den Verstand: „Knien vor der Queen“. Dann: „Geldautomat aus Klinik gestohlen – Diebe rissen Stahlkasten unbemerkt aus der Verankerung“. Wo? Geburtsstation Klinikum Friedrichshain. Das passte. Vielleicht hatten sie das Ding irgendwo versteckt, später aufgebrochen und letzte Woche das Bargeld abtransportiert. es wäre denkbar, dass die Automatenknacker-Bande im Volkspark ihre Operationsbasis hatte und alle Transaktionen auf diesem Weg vornahm. Der Artikel war vom 27. Juli, lange her. Trotzdem, ein entscheidender Hinweis. Vielleicht ging es nicht um das Geld aus dem gestohlenen Automaten, geschenkt, es musste aber auch nicht zwangsläufig um Kinder gehen. Alles war möglich. Waffen, Babys, Drogen, Falsch- oder Schwarzgeld. Irgendetwas. Frühsport und ErholungKein Sport zwischen den Feiertagen.
MAE Frühsport Teil 8Gekreuzte Arme, übereinander geschlagene Beine. Sich sehen, sich freuen, dieser Kredit war aufgebraucht. Rauchen, klar. Die Zigarette gab mir die Gelegenheit mich abzuwenden. Die wirklich ganz gute Tomatensuppe fand auch am Nebentisch Anklang. Keine schöne Aussicht. Der Löffel tauchte ein, Mund schon aufgerissen, die Zunge schnellte hervor und leckte die Unterseite des Esswerkzeugs blitzblank bevor die Köstlichkeit zum hinein schlürfen an die Lippen geführt wurde. Macht man das so, dem Essen die Zunge herausstrecken, den Löffel von unten sauber lecken, dann das Süppchen lautstark aufsaugen? Ich riskierte einen kritischen Seitenblick. Biggi löffelte stoisch die gemeine Suppe. Ohne Unterseite abschlecken, ohne schlürfen, ohne Geräusche. Wie isst man richtig mit dem Löffel? Ich musste das zu Hause vor dem Spiegel ausprobieren.
„Du rauchst zu viel.“ Genau. Wenn ich rauche komme ich mir weniger nutzlos vor. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wenn ich mich nutzlos fühle muss ich rauchen. Um zu messen. Eine Zigarettenpause dauert fünf Minuten. Man kann den Tag mit Zigaretten in fünf Minuten Abschnitte einteilen. Eine Stunde hat vier Zigaretten. Der Abstand zwischen zwei Zigaretten beträgt zweimal fünf Minuten, alle zehn Minuten eine fünf Minuten Zigarette. Ich rauche nicht bloß, ich vermesse den Tag und, haha, lasse ihn in Rauch aufgehen. Hilft überdies beim einschlafen. Zu zählen sind dann keine Schäfchen sondern die fünf Zigaretten-Minuten und die zweimal fünf Minuten zwischen den Zigaretten-Minuten. Man kann leicht durcheinander kommen dabei und muss sich mordsmäßig konzentrieren, aber es funktioniert. „Ich weiß gar nicht was du hast.“ Biggi schob den leeren Teller in die Tischmitte, lehnte sich zurück, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Was ich habe, dachte ich, was habe ich? Keine Lust auf Trash-Essen zum Beispiel. Ironisch essen gehen, so ein Scheiß, ich habe keinen finanziellen Spielraum ironisch essen zu gehen. Ich habe überhaupt einen Hass auf alle Ironie. Biggi hat ein wenig mehr Geld, das reicht aber nur zum sofort ausgeben, deshalb ist sie chronisch Pleite und wenn sie dafür extra mit dem Taxi zur Megaspree Demo fahren muss. Mich zum ironisch essen gehen einladen ist daher einfach nur zynisch, so sieht‘s aus. Wir hätten uns bei Bagdad am Schlesischen Tor treffen können. Döner und Bier für acht Euro. Zusammen. Wir wären zusammen gewesen, nicht nebeneinander, so wie die ganzen Pärchen um uns herum, die oft genug nur nebeneinander sind. Die Frage: „Seid ihr zusammen?“ haben wir all die Jahre mit nein beantwortet, denn wir sind kein Paar. Wir sind immer einfach nur zusammen wie man zusammen ist wenn man zu zweit ist und sich das gut anfühlt. Ja, wir hätten bei Bagdad im tollen Sommergarten sitzen können, wo die Hofkaninchen mit Petersilie aus der Küche gefüttert werden. „Meine große Stadt, wo bist du?“ hätten wir gefragt, ich hätte Biggis Lachfalten gezählt und wir hätten zu mir gehen können und ich hätte definitiv etwas anderes geleckt als die Unterseite eines Löffels. Hätte hätte Fahrradkette. Neben ausgeleierten Zeitarbeitsuniformen mit der dämlichen Aufschrift Clean House, nicht weit genug weg vom eigenen Elend, da konnte, da wollte ich nur bockig sein. Wir nahmen beide noch ein Bier, schweigend, meines auf nüchternen Magen. Eine kleine Suppe wäre wirklich ganz gut gewesen. Aber eben nur ganz gut. MAE Frühsport Teil 7
Ich musste Biggi noch einmal anrufen, um den Laden zu finden, ich wusste es gab einige Restaurants am Friedrichshain, einige recht gute, für mein Verständnis. Aber da war keine Biggi. Ich hasse das grundsätzlich: in Läden reingehen und schauen, ob da die Verabredung sitzt. Kellner die einem einen Tisch anbieten und dann sagen müssen: Och nö, ich schau nur, ob ich hier verabredet bin. Aber in den schönen Läden keine Biggi. „Direkt Ecke Greifswalder“, hatte sie gesagt. Was sollte da sein? Da war nichts. Gated community war da im Bau oder schon fertig, das konnte ich nicht genau sagen, so Wohnanlagen sehen ja auch bewohnt wie tot aus, die lieben Kleinen spielen nur im Verkaufsprospekt neben dem Familienauto, in der echten Welt sind sie beim Ballett oder im Musikunterricht, Klarinette lernen. Das ist das einzige was die spielen können und es macht ihnen sicher mehr Spaß, als mit einer Blindschleiche in der Tasche um die Häuser zu rackern, wie wir das früher gemacht haben. „Was hast du denn da in dem Beutel? Eine zerzauste Auster? Ein gefälltes Lot? Zwei Dosen Aprikosen? Ein Stück Schnur ohne Ende?“ „Nein, einen Notenschlüssel.“ Vielen Dank auch. Endlich sah ich Biggi sitzen und bereits essen. Restaurant San Angelo, ausgerechnet, italienische und mexikanische Küche, Tische und Stühle des Außenbereichs schmuckvoll umzäunt, auf einem Bodenbelag, der an die Anti-Rutsch-Matten einer Schwimmbaddusche erinnerte, als Kellner verkleidete Kellner. "Die Tomatensuppe ist gut“, strahlte sie mich an. "Danke, ich freu mich, wo ich doch zu Hause keine Mikrowelle hab.“ "Ist doch witzig, so Trash-Essen gehen. Die Tomatensuppe ist wirklich gut.“ "Na klar. Ich nehm bloß ein Bier, das steht schon den ganzen Tag auf meinem Zettel.“ "Stell dich doch nicht so an. Die Tomatensuppe ist wirklich ganz gut.“ "Jetzt ist sie also nur noch ganz gut.“ "Was machst du denn heute Abend, schon was vor?" "Keine Ahnung. Vielleicht Trash-Fernsehen gucken. Ist doch witzig, Trash-Fernsehen gucken. Deutschland wird schwanger ist wirklich ganz gut. Danach Bad Taste Party, was meinst du?" "Fick dich." "Fick du dich." MAE Frühsport Teil 6Zum Feierabend rief Biggi an. Meine Biggi. Einladung zum Essen. Ein Italiener irgendwo an der Straße Am Friedrichshain. Ich musste bloß den Park durchqueren um dorthin zu gelangen. Ein schöner Nachmittag, jetzt schien auch die Sonne, alles im Lot, denn ein Bier würde aufgehen. Als ich das Kaiser Friedrich Denkmal passiert hatte und links auf den Weg zum großen Teich einbog, begann mein Herz anders, schneller, zu schlagen. Die Füße verloren ihren Rhythmus, wie angetrunken. Das konnte nicht allein an Biggi liegen, auf die ich mich, zugegeben, unbändig freute. Erst als ich den Ort des Geschehens vom Vortag erreichte fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie saßen in Massen vor dem Schönbrunn, frisch gebackene Mamas und Papas und aßen, was es dort eben zu essen gab. Milchkalb und Milchlamm, größtenteils. Gerade noch hatten sie ihr Kind zum stillen an der Brust und nun verspeisten sie von der Mutterbrust gerissene Tiere. Ich stand da und sah und „Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: (…) Am zehnten Tage dieses Monats nehme ein jeglicher ein Lamm (…) je ein Lamm zu einem Haus. (…) Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, daran kein Fehl ist, ein Männlein und ein Jahr alt (…) und ein jegliches Häuflein im ganzen Israel soll´s schlachten gegen Abend. Und sollt von seinem Blut nehmen und beide Pfosten der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, darin sie es essen. (…) Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen (…). Und das Blut soll euer Zeichen sein an den Häusern, (…) dass, wenn ich das Blut sehe, an euch vorübergehe und euch nicht die Plage widerfahre, die euch verderbe, wenn ich Ägyptenland schlage.“ So sieht's aus, dachte ich, sie haben Angst. Und sie taten gut daran, denn zwei ominöse, sich erstaunlich ähnlich sehende Frauen hatten hier gestern nebeneinander gesessen und ihre Kinderwagen samt Inhalt getauscht und nun verknusperten die Kleinfamilien am Milchlammbuffet prophylaktisch ein Opfertier, auch wenn sie nicht wissen konnten was ich wusste. Das ist das aufgeklärte Zeitalter, in dem neoreligiöse Handlungen unbewusst in Restaurants vollzogen werden. Und ich war der Prophet, ein rasanter Aufstieg. Der Auftrag musste nur Zeitgemäß verpackt werden und in diesem Fall hieß das: Fakten sammeln, das Böse als Kriminalfall lesen und zur Sprache bringen, Detektiv-Arbeit. Zuerst würde ich mit Biggi darüber sprechen müssen. Also setzte ich meinen Weg fort. Frühsport ist späterDiese Woche verspätet sich der Frühsport. Leider. Die aktuelle Folge liegt auf einer Festplatte ganz weit weg und will dort abgeholt werden. Wir sind auf dem Weg dahin und bringen sie am Dienstag mit. Versprochen. Dafür haben wir die Gelegenheit Werbung zu machen für das Buch des Kollegen Piotr Lizinski. JA! HEISST TÖTE MICH! - VERHÖR EINES AUGENZEUGEN, erschienen im Wald & Wiese Verlag Dresden. MAE Frühsport Teil 5Am folgenden Tag hatte ich den Vorfall schon fast wieder vergessen. Geblieben war eine nagende Unruhe die sich in Vergesslichkeit und tollpatschigen Bewegungen ausdrückte. Die Folge waren nicht richtig zugebundene Schuhe, offen gelassene Knöpfe und überraschend frühes Aufstehen. Alles was geschlossen sein sollte, war nicht richtig zu, also auch die Augen. Andere Dinge gingen dafür nicht auf, wie zum Beispiel die Sonne, die sich hinter einer haferflockensuppengrauen Wolkendecke verborgen hielt. Der Tag als solches war aus den Fugen geraten und ich schon erschöpft, noch bevor ich in die Friedenstraße einbog, so dass ich ein grundsolides Feierabendgefühl mit zu meiner Arbeitsgelegenheit brachte. Und nicht nur das, obendrein erreichte ich mein Ziel weit vor der Zeit und unser Bauwagen und damit auch der Arbeitstag waren noch geschlossen. Wie sich ein Tag schon so früh so spät anfühlen kann, dachte ich und sogleich machte sich Bierdurst bemerkbar, trotz unpassender Morgenkühle, doch der milde Nachmittag lag bereits in der Luft und kitzelte verlockend meine Kehle. Ich tat was ich tun musste, ging noch ein paar Schritte und bot vor der Gedenkstätte für die deutschen Interbrigadisten dem Spanienkämpfer den sozialistischen Gruß. Denn wer es wagt, mit erhobener linker Faust und derart hinter dem Kopf verschränktem Schwert aus dem Schützengraben herausspringend dem Faschismus die Stirn zu bieten, hat dann und wann eine Ehrbezeugung verdient, so viel steht fest. Jürgen war ebenfalls zu früh dran und grinste mir auf den Zehenspitzen wippend entgegen. „Na“, sagte ich und „na“ entgegnete Jürgen. „Wochenende, wa?“ fragte er und ich sagte: „ja“. „Die Bar 25 hat ja zu jetzt.“ „Ach echt?“ „Ja, letztes Wochenende war letztes Wochenende.“ „Warst Du da?“ wollte ich wissen. „Klar war ich da.“ „Das war doch bestimmt endteuer oder nicht?“ „Zehn Euro. Aber ich war gar nicht drinnen. Nur für Mitglieder. Der Türsteher war wieder mal voll ungepflegt, der hat einfach weiter gegessen, die Soße tropfte ihm noch aus dem Mundwinkel, und hat gesagt, mit meiner Gürteltasche komme ich da nicht rein. Wenn ich das gewusst hätte. Die sind mir da eh alle zu pseudo. Normalerweise nehme ich die ja vorher runter und tu die in den Ärmel. Wir haben das später noch mal versucht. War aber nichts zu machen. Ich hab meine Jungs die schon drinnen waren dann angerufen und raus geholt und wir sind auf den Mittelstreifen gegangen. Bei der Tankstelle ist ja auch günstiger.“ Party auf dem Mittelstreifen, bittere Pille. Nicht vorgelassen wegen Gürteltaschentragens. Klang abwegig, war aber bestimmt ein ausreichender Grund für die Bar 25 Tür. Vor allen Dingen wenn man den Türsteher nicht in Ruhe aufessen lässt. Blick auf die Uhr, zwei Minuten vor Punkt, kaum aufgeschaut und siehe da: Zeugwart Uwe stand mir gegenüber und ich sagte: „Na“, und „na“ sagte Jürgen und Uwe sagte etwas das klang wie „na“. „Ganz schön frisch heute Morgen.“ „Arbeit ist die wärmste Jacke.“ Und ehe wir das Gespräch beenden konnten trudelten Hamza und Manuela ein. Es konnte also losgehen und ich sagte „na“ und der gute alte Trott sagte „na“ und wir trotteten hin zu unserer Einsatzstelle, wie die Angestellten der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte am Ostkreuz, zu dritt nebeneinander, die Handtaschen in KaDeWe-Tüten tragend, zu kleine Rucksäcke auf breiten Männerrücken und Frau Hassel von Flur drei sagt zu Frau Hüppuff von Flur sieben: „na“ und Frau Hüppuff sagt „na“ und Frau Popp und so fort. Alles in Ordnung soweit, das nennt man MAE-Zufriedenheit und unser arbeitsloser Fahrlehrer Uwe fragte: „Was meint ihr, meint ihr man kann eine Taube überfahren?“ „Klar, wenn die auf der Straße herumläuft“, entgegnete ich. Hamza nickte bestätigend. „Nein, die kann immer noch weg fliegen. Ich habe das ausprobiert.“ „Du hast dich auf die Lauer gelegt und bist losgerast wenn sich eine Taube auf der Straße niedergelassen hat?“ „Nein. Das passiert ja immer wieder, dass eine Taube auf der Straße sitzt und meine Fahrschüler haben dann immer gebremst. Ich habe denen gesagt: Das bringt überhaupt nichts, zu bremsen, die können immer schneller abheben als du beschleunigen kannst. Das habe ich ausprobiert, wenn du bremst, fährt dir nur einer hinten drauf, das ist Gefährdung des Straßenverkehrs, Tierschützer sollen zu Fuß gehen.“ „Die können doch ruhig Auto fahren, wenn sie die Taube eh nicht überfahren können?“ „Aber die bremsen ja immer.“ „Und wenn der Vogel einfach hocken bleibt?“ „Du kannst da so nah und so schnell ran fahren wie du willst, die fliegen immer noch weg, bist du die schon berührst können die immer noch schneller starten als du fahren kannst. Die provozieren das nur bis zum Schluss. Das habe ich ausprobiert.“ „Aber wenn die nicht weg fliegt?“ „Die fliegt aber weg und wenn nicht, hat sie selber schuld, dann will sie nicht weg fliegen.“ „Dann kann man sie überfahren?“ „Nein, bis zum Schluss kann die weg, wenn sie nicht könnte würde sie da ja nicht sitzen und hätte schon vorher verloren gehabt. Auf Straßen können nur Tauben sitzen, die das können, außer die sind schon tot oder so gut wie.“ Hamza mischte sich ein: „Verstehst du, Tauben sind dumm und wenn die ficken sind die besonders dumm. King ist mal an zwei Tauben vorbei gelaufen, die haben vor unserem Hauseingang gefickt und King läuft so an denen vorbei und beißt der einen einfach den Kopf ab und die andere hat das nicht gemerkt und einfach weiter gemacht, verstehst du.“ „King?“ fragte Manuela. „Rottweiler.“ „Also man kann Tauben nicht überfahren, außer wenn sie so gut wie tot sind oder ficken“, stellte ich abschließend fest. So bewegte sich der Tag stramm in Richtung Bier. Meines wartete ja schon seit dem Aufstehen auf mich.
MAE Frühsport Teil 4Ich saß da jeden Abend und passte auf, ich wusste bloß nicht worauf. Es war mir verboten, das Gebäude zu verlassen, es war mir sogar verboten, den dämlichen Glaskasten zu verlassen. Anfangs hatte ich es mir gemütlich gemacht: Thermoskanne ausgepackt, Stulle, Ärmel hochgekrempelt, mein Buch aufgeschlagen, war es gelassen angegangen gewissermaßen. Dann kamen die Jugendlichen. Sie kamen jeden Abend und sahen alle gleich aus, auch wenn sie selbstverständlich unterschiedlich groß waren und einige von ihnen einen Hut oder eine Kappe trugen. Sie bauten sich vor der Scheibe auf , stützten sich mit der einen Hand gegen das Glas während sie mit der anderen an ihrer Knopfleiste fingerten, meistens blieben sie mit dem Daumen unter der Gürtelschnalle hängen. Es waren wohl nur Sekunden, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis es dann so weit war und sie sich gegen die Scheibe erleichterten. Als ich aufstand, um das treiben zu unterbinden, teilte man mir über Lautsprecher die Summe meiner Verfehlungen mit. Ich wurde beobachtet. Ich hatte die Kameras nicht gesehen, aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, es sei außer mir noch jemand im Raum. Ich konnte, auch wenn es albern klingt, die Beobachtung hören, so als laufe eine Maus hinter einem her. Es ist kein richtiges Geräusch zu hören, nur ein Huschen, man hört das Geräusch des Huschens der Maus und wenn man sich umdreht, ist sie verschwunden. Man ist versucht unvermittelt einen Schritt rückwärts zu machen, damit man sie unter dem Schuh spürt oder Quieken hören kann. So fühlte sich das an mit den Kameras. Man hört sie nicht direkt, man hört das Geräusch des Geräusches der Kamera. Das Geräusch Geräusch sozusagen. Ich war Wachmann und darum schien es auch in erster Linie zu gehen: Wach sein. Alles außer wach sein war verboten. Schlafen, Essen, Trinken, mit den Fingern auf einem imaginären Tastenfeld Klavier spielen, lesen, singen, Selbstgespräche führen, Bauchreden schwingen. Erlaubt war nur, wie ich heraus fand: sich ausgiebig unter den Schulterblättern kratzen und wenn im Zuge dieses Bemühens das Hemd aus der Hose rutschte, es wieder in den Bund stopfen, sowie vor Bewegungslosigkeit ins schwitzen geraten. Ich hatte nichts zu tun und wurde beobachtet, damit man mir alles verbieten konnte und wahrscheinlich wurde auch mein Beobachter beobachtet, damit ein anderer Beobachter ihm wiederum alles verbieten konnte und so weiter und so weiter. Bis hinauf zu Gott. Eine Beobachtungspyramide, an deren unteren Ende ich zu denen gehörte, die niemandem etwas verbieten durften. Denn als ich es nicht mehr aushielt, mich erhob, die Tür öffnete und die urinierende Bagage zusammenschrie wurde ich entlassen. Wegen Befehlsverweigerung. Ich hätte sitzen bleiben müssen oder vorher die Kamera fragen sagte man mir und ich entgegnete: „Lieber bitte ich um Entschuldigung als um Erlaubnis und niemand sollte generell etwas anderes von seinem Gegenüber erwarten.“ Tja, das war's dann gewesen mit meinem Job im Aufsichtsgewerbe und uns Uwe oder die Thiele würden keine andere Antwort von mir bekommen. So sieht's aus.
MAE Frühsport Teil 3Aber dann, zwischen zwei Lidschlägen, ließ mich eine kleine Unstimmigkeit aufmerksamer hinschauen. Eine Beobachtung, so winzig als wäre eigentlich gar nichts passiert. Die Blonde, auf der linken Seite sitzende, hatte sich erhoben und kehrte wenig später mit zwei Bechern in der Hand zurück, nun saß aber die Dunkle auf der linken Seite und die Blonde setzte sich auf den Platz an dem eigentlich bis eben noch die Dunkle gesessen hatte, diese war nur durch gerutscht, legte wie selbstverständlich die Hand an den Griff des anderen Kinderwagens, der doch bis eben noch von der Blonden bewegt worden war. Keine von beiden warf auch nur einen Blick in ihren oder soll ich sagen den anderen Kinderwagen. Das hatten sie auch vorher nicht gemacht. Mit einem mal war ich Hellwach und versuchte das Blinzeln auf fünfmal die Minute zu reduzieren, um ja nichts zu verpassen. Trüge ich Kontaktlinsen, sie wären fest getrocknet, so angestrengt hielt ich die Augen aufgerissen. Es dauerte nicht lange, bis sich beide voneinander verabschiedeten. Sie standen auf und marschierten in unterschiedliche Richtungen davon, jeweils den Kinderwagen schiebend, der zuletzt vor ihnen gestanden hatte. Sie hatten ihre Kinder getauscht, soviel stand fest. Klassiker, dachte ich, wie Krimi, wie im Kino. Man kennt das: zwei unauffällige Herren, zwei gleiche Koffer. Die Kinderwagen hatten ja auch die gleiche Farbe gehabt. Wobei der eine mir eher dunkelblau erschienen war, fast schwarz aber noch dunkelblau und der andere ein diffuses grauschwarz. Aber mit Tendenz hin zu schwarz. Beide waren fast schwarz gewesen, das stand außer Frage. Ich überlegte was zu tun war. War etwas zu tun? Es ist doch nicht normal, das zwei Frauen, die fast gleich aussehen, zwei fast gleich aussehende Kinderwagen vertauschen und es ist vor allen Dingen nicht normal, dass daran nichts faul sein soll. Ich machte mich auf den Rückweg zu meiner Gruppe, ich war so oder so schon zu lange weg gewesen, hier gab es nichts weiter zu sehen, nichts was meine Fragen beantworten konnte. Mein Arbeitsgerät lag noch genau da, wo ich es fallen gelassen hatte, die Gruppe war in der Zwischenzeit beinahe zehn Meter vorgerückt. Vorarbeiter Uwe sah mich scheel von der Seite an. „Das hat aber lange gedauert. Haste dein Wehwehchen gut gekühlt?“ fragte er, und genauso wie jeder der schon einmal eine Wohnung mit Außentoilette bewohnt hat weiß, was arschkalt bedeutet wusste ich wieder was eine bissige Bemerkung ist. Verrat lag in der Luft. Ich stellte mich zu den Anderen, um mich weiter dem Arbeiten in Zeitlupe zu widmen. Einmal hatte ich es gewagt, das Tempo anzuziehen, und war fast an Uwe vorbei gezogen. Die Anderen hatten sich davon nicht anstecken lassen, sie wussten wohl, dass es nichts bringen würde. Kaum war ich auf Uwes Höhe hielt er den Stiel seiner Hacke quer über den Weg und klopfte mir damit zweimal gegen das Schienbein. Zweimal, mir dabei einen Blick zu werfend, der mir verriet: Das dritte mal würde schmerzhafter werden. Ich glaube man gibt uns extra Unkrauthacken aus billigem, stumpfen Stahl, damit wir mehrmals ansetzen müssen. Es empfiehlt sich dabei, nicht die volle Breite des Stahlblattes zu benutzen, sondern das Werkzeug anzuwinkeln und nur mit der Kante zu arbeiten. Das muss man zum reinigen der Fugen auf gepflasterten Wegen so oder so auf diese Weise machen und die Kanten sind von den Steinen meist schon rasiermesserscharf zurecht geschliffen. Meine Gedanken waren schneller als meine Bewegungen, was ich gesehen hatte, ließ mir keine Ruhe. Ich stieß mit meiner Hacke riesige Löcher in den Boden. Hatten die Zeitungen kürzlich von regelmäßigen Säuglingsdiebstählen im Krankenhaus Friedrichshain berichtet? Es musste irgendwo in diesem Vorfall Hinweise auf eine originellere, abseitigere These geben ,die mehr Sinn machte. Denk schneller, dachte ich, schneller und präziser. Ging es vielmehr um die Kinderwagen? Ein Wirtschaftsspionagering chinesischer Kinderwagenproduzenten, die sich auf diese Weise an die aktuellen Modelle im Szenekiez heranmachten? Warum gehen die nicht einfach auf eine Messe? Ich trat auf der Stelle und wie immer in solchen Situationen, wenn der Wille schneller will als die Möglichkeiten es gestatten, begann ich zu schwitzen. Nicht einfach bloß zu schwitzen, nein, ich duschte von innen. Riesige Tropfen rollten aus meinen Haaren, die Nase hinunter und klatschten vor meine Füße, ich goss den gerade gelockerten Boden. Ruhig, dachte ich, ruhig, du musst langsamer wollen, nicht alles auf einmal, dafür haben sie dich hier eingeteilt, das du aufhörst mit diesem ganzen weg und weiter wollen. Du kannst entspannt auf einer Bank pausieren ohne zu schwitzen, also kannst du auch: nicht an Uwe vorbei wollen und dabei trocken bleiben. Doch das war mir schon in meinem letzten Job als Wachmann in diesem Glaskasten am Hackeschen Markt nicht gelungen. MAE Frühsport Teil 2
Der Park lag noch in Ruhe und Frieden in der Stadt herum, ein grüner, lappig ausgeworfener Teppich, der breit gelatscht werden wollte. Die letzten Frühsport-Läufer dehnten sich aus, eine erste Gruppe Erzieherinnen ließ ihre Schützlinge am sogenannten pädagogischen Bachlauf die Schuhe ausziehen, auf dem Waldspielplatz wurden einer Schulklasse die Freuden des Sports experimentell und auf Englisch nahe gebracht, ein dünner alter Mann drehte sich mit ausgebreiteten Armen vor dem Café Schönbrunn um die eigene Achse, die ersten Schwangeren aus der angrenzenden Geburtsstation schlossen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen und erziehende Väter schoben ihre kleinen telefonierend vor sich her, eine Gruppe spanischer Touristen klingelte sich verwirrt mit ihren Fat Tire Bike Tour Rädern durch den Park. Sie hatten sich sicher verfahren und sehnten sich danach, ihre unbeholfene Fahrweise auf einer Hauptverkehrsstraße auszuprobieren. Kurz: Der Tag war optimal eingestellt und ich beschloss, mir am Kiosk einen Kakao zu holen, nachdem ich mich am Trinkwasserbrunnen ausgiebig gelabt hatte. Zwei Euro 90 für einen Kakao im Pappbecher, ich war Stolz auf meine mondäne Pausengestaltung. Jetzt hätte ich gerne schnell meine Deserts dazu angezogen. Die zwei Euro 90 hatten eine leicht seifige Note. Ich versuchte mich daran nicht weiter zu stören und ließ mich auf einer Bank nieder. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Weges, lagen Café und Kiosk Schönbrunn, so dass ich das beginnende treiben auf der Terrasse verfolgen und das passierende Publikum begutachten konnte. Dazwischen befanden sich rechter Hand, auf der Längsseite, noch drei Bänke. Auf der mittleren saßen zwei junge Damen. Beide trugen so etwas wie ein Businesskostüm, schwarze Hosenanzüge genauer gesagt, die eine blond, dunkelhaarig die andere. Zwillinge, dachte ich, zumindest Kleider- und Frisurenzwillinge, die Haare konnten gefärbt sein, man müsste die Gesichter genauer unter die Lupe nehmen. Die Köpfe einander zugewandt redeten sie und nickten, schoben dabei die Babykutschen mechanisch vor und zurück. Eine seltsame Szenerie. Sämtliche Darsteller bewegten sich mit einer derartig demonstrativ coolen Gelassenheit, als fühlten sie sich einem Pet Shop Boys Musical zugehörig, den koketten Eifer eines zu oft fotografierten Kindes im Gesicht. Die Angestrengtheit ihres Bemühens überzuckerte die ganze Kulisse zu einer Bühnenshow von Erasure: „I try to discover - A little something to make me sweeter...“. Das war's, ich würde für den Rest des Tages rosa Tüll in den Ohren haben. Ich war bereit mich meinem Schicksal zu ergeben. Gefangen im Volkspark Erasure. MAE Frühsport Teil 1Ich hätte sie totschlagen sollen, bevor sie mich erwischt hat. Eben noch kroch sie langsam meinen Unterarm hinauf, wahrscheinlich um Schutz zu suchen in meiner Ellenbeuge. Sie war ganz klamm, der Septemberwind hatte ihr sichtlich zugesetzt. Ich hatte sie mit einer einfachen Armbewegung abgeschüttelt, danach lag sie regungslos vor meiner Schuhspitze und ich hätte sie erledigen können, aber ich dachte, tja, das war's, heute kommt sie nicht mehr auf die Beine, oder besser: auf die Flügel. Dann hatte sie mich genau da erwischt, wo sie von Anfang an hin wollte: in meiner Armbeuge. Sie muss ihr Ziel diesmal direkt aus der Luft angesteuert haben. Ich bin lange nicht mehr von einer Wespe gestochen worden. Ich nehme an, das letzte mal als ich ein Kind war. Zumindest kann ich mich nur an das kindliche Gefühl des Schmerzes erinnern, gefolgt vom hervor schießen der Tränen und Mutters tröstende Worte, das Kühlen und Salbe auftragen. Die vergangenen Wochen waren Wespenwochen gewesen. Voll von agilen, hungrigen, schweißgeilen Wespen, die von früh bis spät um uns herum schwirrten. Jetzt wurde das Wetter langsam rauer und das Ende aller Wespen, zumindest was dieses Jahr anging, rückte näher. Die restlichen arbeitslosen Arbeiterinnen verbrachten ihre verbliebene Zeit nutz- und heimatlos, nur auf der Suche nach Nahrung für die letzten Tage. Man soll sie am besten nicht beachten, sagt man, das Essen abdecken, möglichst nicht schwitzen, nicht durch heftige Bewegungen verscheuchen, sondern beharrlich ignorieren. Eine unausgesprochene Vereinbarung des gegenseitigen Übersehens. Eine einfache Übung, wir halten uns jeden Tag daran. Wir schauen die anderen Leute nicht an und sie schenken uns keinen Blick. Es ist ihnen schon unangenehm, uns auszuweichen. Ich erkenne die regelmäßigen Jogger an ihrer Art zu laufen, registriere sie von weitem, sie haben feste Wege zu festen Zeiten, aber ich schaue nicht auf, wenn sie an uns vorbei laufen und sie haben ja zu tun. Im Gegensatz zu uns. Die anderen laufen vor der Arbeit schnell eine halbe Stunde, trainieren für den Berlin-Marathon, was weiß ich, sie sind vor der Arbeit schon beschäftigt und unsere Arbeit besteht genau darin, so zu tun, als hätten wir zu tun. So sieht´s aus. Wir sind die MAE Frühsportgruppe, weil wir in der Früh aufstehen und den anderen beim Sport zusehen. Wir sind die Wespen, man schaut uns besser nicht an. Dabei können wir gar nicht stechen. Aber wer weiß? Wir machen das Unkraut. Wir stehen auf den Wegen mit Harke und Hacke und ziehen das Unkraut aus den Ritzen. Früher hätten sie Unkraut-Ex genommen, einmal drüber und am nächsten Tag wegfegen. Heute haben sie uns. Sie haben uns hier über die Wege gegossen wie Unkraut-Ex, wir dürfen nur nicht so schnell sein. „Bin schon fertig“ gilt nicht, da steht Uwe davor und zwar immer genau zwei Schritte vor der Gruppe, seine grüne Arbeitsjacke über den Stiel seiner Hacke gehängt und raucht. Kommt ihm einer der Übrigen zu nahe zieht, er sie mit trägem Gleichmut kurz über und macht sich am Rand des Weges zu schaffen, bis der alte Abstand wieder hergestellt ist. Wir machen die volle Breite, Uwe macht den Rand. Uwe wacht nicht nur über das Tempo sondern auch über das Gerät. Bei Arbeitsbeginn nimmt er die Besen, Harken, Schaufeln oder Hacken entgegen, zählt sie zweimal durch und teilt sie dann leise murmelnd an uns aus. In meiner ersten Woche hielt ich das noch für eine auf Verzweiflung und Unterforderung basierte Amtsanmaßung bis ich heraus fand, dass tatsächlich so etwas wie eine Hierarchie auf inoffizieller Ebene existierte. Uwe ist nämlich ganz besonders dick mit unserer Sozialtante Frau „hallo ich bin die Julia“ Thiele. Frau Thiele ist eine von den scheinfreundlichen. Das heißt, je weniger man mit ihr spricht, um so freundlicher erscheint sie einem. Am besten man richtet nach ihrer „hallo, ich bin die Julia!“ Begrüßung kein weiteres Wort an sie. Ich hoffe ihr Göttergatte hält sich auch an diese Regel, ich müsste ihm ansonsten ein Ende mit Schrecken prophezeien. Der einzige von uns, der ihren Verlautbarungen mit Bravour begegnete, war ausgerechnet Hamza mit seinem: „verstehst du, Frau Thiele, ich verstehe das nicht, warum?“ Das wirft sie jedes mal über den Haufen, sie bekommt dann einen Blick wie eine kinderlose Tante, die versucht sich mit ihrem fünfjährigen Neffen über Fußball zu unterhalten, etwas zu überartikuliert und zu langsam und man sieht ihr die ganze Zeit an, wie sie denkt: „Der muss sich doch für Fußball interessieren, ist doch ein Junge, verdammt! Warum versteht der mich nicht?“ Aber warum soll sich ein fünfjähriges Kind mit einer ungeduldigen Erwachsenen über Fußball unterhalten, die vielleicht von allen anderen Dingen des Lebens Ahnung hat, aber genau nicht von Fußball? Hamza spricht in bestimmten Situationen einen speziellen neuköllner Dialekt, den sie nicht versteht, weil sie eben genau diese Tatsache nicht begreift und sich stattdessen lieber selber unverstanden fühlt. Sein „verstehst du warum?“ bedeutete nichts anderes als „wie bitte“? Uwe war der Einzige, der so eine nach Grünflächenamt aussehende Arbeitsjacke besaß, wahrscheinlich hatte er sie sich schon den Sommer davor gleich von seiner ersten Mehraufwandsentschädigung angeschafft, zusammen mit seinem guten Draht zu Frau Thiele. Den musste er ja auch irgendwo her haben. Ich hatte Arbeitsschuhe beantragt und auch bekommen, denn ich wollte mein letztes Paar sogenannter guter Schuhe nicht ruinieren. Die Desert Boots hatten schon ordentlich Zeit abbekommen. Beim Warten auf den Cut&Go-Haarschnitt hatte ich in der Gala gelesen, dass die ja runtergerockt erst richtigen rock and roll sind und in dieser Hinsicht waren die also gerade optimal und solchermaßen als Style-Werkzeug für besondere Anlässe reserviert. Auch wenn diese Anlässe selten sind, fehlt mir doch das nötige Kleingeld, um bei mir vor der Haustür am großen Brunch-Rundlauf durch Friedrichshain mitzumachen. Jedenfalls wollte ich die schonen und nicht vollständig zertreten. Zu den neuen Schuhen, die auch nach vier Monaten noch wie neu aussahen, trug ich eine alte abgetragene schwarze Röhrenjeans und mein altes Soft Cell Shirt aus den achtzigern, welches mir erstaunlicherweise immer noch passte. Früher hatten wir Dr. Martens oder Springerstiefel dazu getragen. Nun gut, die Arbeitsschuhe hatten eine ähnlich grobe Optik. Solcherart verkleidet als ein Wesen aus einer anderen Zeit fühlte ich mich jedenfalls besser gewappnet und vor allen Dingen besser angezogen als Kollege Uwe mit seiner Joppe. Wenn man keine Zukunft hat und auch in der Gegenwart keinen Logenplatz einnimmt bleibt einem eben nur die Vergangenheit und wenn man eine große hatte, sollte man die auch vorzeigen und die Soft Cell Zeit war definitiv eine große Zeit gewesen. Immer am Montag bekommen wir die Einsatzpläne für die Woche und dann muss man sich die Arbeit so einteilen, dass man bis Freitag damit zu tun hat. Wenn man die Anweisung bekommt, um den kleinen Teich herum das Unkraut zu machen, dann ist es nicht leicht, das eine Woche durchzuhalten, denn es geht um eine Weglänge von vielleicht vierhundert Metern. Optimistisch geschätzt. Es könnte auch wesentlich weniger sein, ich habe kein Gefühl für Entfernungen, zumindest was die Streckenlänge angeht. Ich kann nicht in Metern schätzen, ich spüre nur Sekunden und wir haben definitiv zu viele Sekunden zur Verfügung, um den kleinen Teich zu umrunden. Wir sind insgesamt zu fünft, also quasi so viele Leute wie Arbeitstage. Wir absolvieren einen vierhundert Meter Lauf in fünf Tagen. Da wächst das Unkraut schneller hinter uns her, umrundet uns und feixt wie Usain Bolt hinter der Ziellinie. Da kommt einem eine verletzungsbedingte Pause gerade recht und ich beschloss, eine große Sache aus dem Stich einer kleinen Wespe zu machen. |



