MAE Frühsport Teil 18Wasser oder Wodka. Kaltes, klares Wasser. Zeit verging und ging nicht. Biggi hakte sich bei mir ein: „Lass uns bei dir in der Straße noch was trinken.“ Das taten wir dann, verließen die ehemalige Marmeladenfabrik, trabten die Köpenickerstraße entlang Richtung Friedrichshain, erfrischten uns auf der einen oder anderen Motorhaube, dem Geländer der Warschauer Brücke, holten Biere. Alle waren da, Demented mit akkuratem Flat, Meteors Shirt und seiner ewigen Demented are Go Lederkutte, Werner Müller aus meinem Hinterhaus, noch mit Weras schwarz lackierten Fingernägeln die tags zuvor ein Paket bei mir abgeholt hatte. Das Büro war auch da. Das Büro hatte sein Büro ursprünglich in verschiedenen Friedrichshainer Toiletten, nahm aber auch spontan Außentermine war. Das Büro begegnet niemandem, es kreuzt Wege.
„Hallo, Habibi, wie geht’s?“ „Mir geht’s gut, und dir?“ „Hab Probleme man. Große Probleme. Was machst du?“ Womit sich die Fensterläden öffneten und eine Sekunde Zeit blieb, die Bestellung aufzugeben. Ich nahm eins auf Kredit, mit dem Versprechen die Geldangelegenheit am Montag zu regeln. „Danke Habibi, ich muss weiter man, hab Probleme, große Probleme.“ Beim wegstecken spürte ich neben dem Briefchen mit der Spareinlage das Röhrchen vom Kameramann, ich hatte vergessen es zurück zu geben. Wir mussten noch eine Weile aufbleiben. In meiner Küche wurde es hell und wieder dunkel, reden und schweigen und so weiter. Irgendwann legte Biggi sich schlafen. Sie lag in meinem Bett und mein Kopf tobte, sie lag da und ich sah ihre Lachfalten. Ich sah die Spuren ihrer zukünftigen Falten. Wie? Warum? Weil sie gelacht hatte und dabei in der Sonne gesessen und ihre Haut gebräunt war bis auf die Furchen ihres Lachens. Sie hatte ein Buch in der Sonne gelesen und gelacht, ihr Biggilachen. Sie lag da, ganz entspannt und um ihre Augen und um die Mundwinkel lag der Halbkreis ihres Lachens als weiße Strahlen im Gesicht. Das würden ihre Lachfalten werden. Was mich ergriff in diesem Moment: Wir hatten uns im Sommer anlässlich des frisch verblichenen Michael Jackson vor der O2 World Arena genannten Mehrzweckhalle eingefunden, die Trauerfeier wurde kostenlos Live übertragen. Wir wollten die trauernden begaffen und das stadtplanerische Verbrechen von innen begutachten. Sie öffneten die Türen nicht pünktlich und, um hinein zu gelangen, musste man vorher noch an einem Kartenhäuschen für die Tickets anstehen. Zu kompliziert. Und unwirtlich der Vorplatz. Die sich für Trauergäste haltenden boten nichts, keine schlimmen Kostüme, keinen lächerlichen Ernst, nichts, kein Drama, kein Weinen, keinen Schmerz. Nur der kollektive Wunsch es möge so sein. Im Gegensatz dazu war unsere arrogante voyeuristische Haltung fast buchstäblich ehrliche und respektable Emotion. Ich schweife ab. Jedenfalls: Biggi stand da vor dieser Halle, wir standen da, auf diesem Platz vor dieser Halle, diesem Platz ohne irgend, ohne was. Der Wind peitschte uns die Sonne ohne Schutz ins Gesicht, legte alles offen, Biggis Make-up war bloß Make-up, ihr Lippenstift lag als Lippenstift auf den Lippen, das Haarspray war zu sehen, wir ungeschminkten Jungs boten der Welt alle Poren und Mitesser und Härchen auf dem Nasenrücken zur Ansicht. Ich weiß noch ich sah die Falten während sie lachte, die sich, hörte sie auf, wieder glatt legten, wie es die normale junge Haut so tut und sah das und dachte: Biggi lacht, sie bekommt Lachfalten, die sich bisher nur im Lachen verstecken und in Sicherheit gebracht werden müssen. Und das ergriff mich, die Erinnerung an diesen Moment. Wie sie da stand, ich sie sah. Wie ich wollte, dass wir uns alle Gegenseitig davor beschützen, vor dieser so grund- und vorsätzlich gemeinen Architektur. Irgendwann schlief Biggi immer noch, lachend. Irgendwann stand ich wieder in der Küche. Wach bis hierin, bis vor den Drescher. „Sie bewerben sich nach wie vor in der Gastronomie?“ „Das ist das letzte was ich einigermaßen gut gemacht habe, ich dachte das macht Sinn.“ „Was halten sie denn von Zeitarbeit?“ Sein Blick ruhte weiter auf einem Gegenstand über meinem Kopf, die nächste anstehende Zwischenmahlzeit möglicherweise, ein riesiger Toast Hawaii mit Cocktailkirsche oben drauf, wie er in einem längst untergegangenem Schnellrestaurant seiner Kindheit serviert worden war. „Na dann trotzdem noch einen schönen Tag.“ Ich war entlassen. Den Toast Hawaii nahm ich mit, fest entschlossen, ihm die Friedrichstraße zu zeigen. Kommentar schreiben
MAE Frühsport Teil 17„Und“, der Drescher lächelte verlegen und fixierte einen Punkt über meinem Kopf, „was haben wir erreicht, seitdem wir uns das letzte mal gesehen haben?“ Ich reichte ihm meine pflichtgemäß geschriebenen Bewerbungen, monatlich zwölf, genau sechsunddreißig Stück aus den letzten drei Monaten, sah ihm meinerseits dabei fest in die Augen. Er schlug die Beine übereinander, kurzbehost entblößte er seine Knie, im Herbst, dem waren die Strümpfe unter den Sandalen geschuldet. Ein Wochenende in der Gartenlaube lag hinter ihm, Rippchen vom Grill, träges Blinzeln in die tiefstehende Sonne. Das Wochenende an dem ich sonntags feststellen musste, dass Sonntag war, das Wochenende ohne Samstag. Der Drescher hatte einen Samstag gehabt, mit Familieneinkauf, anschließendem Eierschaukeln und allem drum und dran.
Tja, überlegte ich, tja, tja, was hatte ich erreicht? Ich war am Freitag zusammen mit Biggi bei Kamerad Kameramann aufgeschlagen, Parkett schonend auf Socken und als wir uns gerade anschickten, das gesellige Treiben zu verlassen, drückte Arnulf mir ein Röhrchen mit weißem Pulver in die Hand und ich verzog mich auf Toilette. Gutes Zeug. Verdammt noch mal. Verdammt gutes Zeug. Herrlich gut. Ich nahm gleich zwei, eine links eine rechts, bastelte ein Briefchen. Wozu auch hat man die Hosentaschen voller aufgesammelter Flyer. Zwei Lines in die Nase, eine aufs Konto. Nein, besser auch zwei. Biggi zog nach. „Nüchtern und auf Koks bist du hübscher als betrunken.“ Dabei fuhr sie mir mit dem Zeigefinger die Wirbelsäule vom Hals abwärts bis auf den Gürtel. Gänsehaut. Ab ging’s. Raketenmäßig. Kritik ohne Selbstkritik. Die Party kippte, ich kippte, von einer Vernissage ohne Kunst direkt an die Hausbar. Hendrick’s mit Tonic und rauchen ohne Rücksicht. Arnulf beobachtete mich aus den Augenwinkeln, Gordons tut es auch sollte das heißen, mein Glas hob sich in seine Richtung. Prost. Aschenbecher gabs nicht, zum rauchen war die Terrasse vorgesehen. Ein Champagnerglas tat’s auch. Ich schmiss die Bar, verteilte Wodka, Held, na klar, pries Whisky zur Zigarre, hörte zu. „…hat sich geweigert, mein altes Hollandrad zum Fixie aufzubauen, und ich hab gesagt, ich zahl was du willst. Nichts zu machen. Man wär das cool, ein Hollandrad als Fixie…“ Drei Awesomes belagerten mich, halb so hoch wie die Ramones, Jeans äußerst skinny. Nicht auf Socken, dafür nackt in spitzen Schuhen. Im Schlepptau, einen Schritt dahinter, die weibliche Gefolgschaft, kichernd, einen vollständigen achtziger Jahre Flagstore am Leib tragend. Eine Band, ohne Zweifel, steil auf dem Weg nach oben, schon jetzt mehr Groupies als Gigs. Tourmotto: „On the streets of Berlin“. Richtig so, erst ordentlich abfeiern lassen. Bühne egal. „Do you have a line or something?” Wir waren Freunde und kein Problem. Ich ließ mir vom verkniffen dreinblickenden Kameramann das Röhrchen erneut aushändigen und lud die ganze Bande ein. Zusammen auf der Toilette wurde sich erst selbst versorgt. Dann, eine nach der anderen, das Gefolge vorgelassen. „Awesome“, sagten die Awesomes, und das sollte wohl danke heißen. Nicht dafür. „Do you have a record store or something?” „Was?” “Do you have a record store ore something?” “No” “Well, but you look like…” So sah ich aus, unisono fanden sie es awesome. Mehr Wodka, mehr Gin. MAE Frühsport Teil 16Der nächste Tag oder möglicherweise der übernächste:
Ich hatte einen Kopf und ich hatte Schmerzen, beides gehörte anscheinend zusammen. Der Wind fuhr rein durch das Küchenfenster, hob die Zeitungen vom Boden, blätterte sie durch, raste wieder hinaus, eine Seite schlug mir gegen das Schienbein, schmiegte sich an mich, wollte wohl gelesen werden. Mal aufräumen vielleicht. Ein richtiges Archiv anlegen, überlegte ich, wenn es mir besser geht. Ich stand in der Küche und fühlte mich entsetzlich. Zuvor musste ich im Bett gelegen haben. Wie komme ich sonst in meine Küche, wenn nicht aus dem Schlafzimmer heraus? „Musst wohl gerade aufgestanden sein“, sagte ich mir. Noch einmal etwas lauter: „Musst wohl gerade aufgestanden sein.“ Und es musste ein letztes für nötig und vor allen Dinge für gut befundenes Bier gegeben haben. Wie war ich von da aus in meine Küche geraten? Ich konnte mich an das Aufwachen nicht erinnern. Ich stand in der Küche. Gehen ging nicht. Der Vorderhaus-Fahrstuhl fuhr leer in den vierten Stock, die Türen öffneten sich, Hund lief hinein, Herrchens Hand langte um die Ecke, drückte den Knopf, Hund fuhr hinunter. Dort nahm der von mir Wilhelm getaufte Herr vom Happy Gassi Mobil das Tier in Empfang. Sauber geprobter Ablauf. Aber nicht samstags. Samstags fuhren Herrchen und Hund gemeinsam hinunter, exakt eine halbe Stunde später wieder hoch, Herrchen hält die Schrippentüte und Hund darf die Zeitung quer im Maul tragen. Wenn Kinder so etwas beobachten wollen sie samstags auch solch einen Hund. Aber heute war nicht Samstag. Oder Herrchen wollte nicht länger Teil einer Kinderbuchillustration sein. Oder die Szene war vom Vortag, wie der kalte Kaffee in der Blechkanne auf meinem Küchentisch. Daneben eine angebrochene Palette Schmerztabletten, noch genau acht Stück. Nehme ich alle auf einmal oder die Hälfte? Erst eine, dann zwei, dann vier? Bliebe noch eine als Reserve. Kalter Kaffee muss nicht frisch sein, dachte ich, kalter Kaffee vom Vortag tut es auch und spülte sicherheitshalber gleich vier Dinger mit einem kräftigen Schluck hinunter. Guter alter kalter Kaffee. „Musst wohl gerade aufgestanden sein“, bekräftigte ich. Untrügliches Zeichen dafür mein Bademantel, das passte. Darunter allerdings trug ich noch immer die Klamotten vom Vortag. Alles an diesem Tag war vom Vortag, der ganze Tag war vom Vortag. Ich war vom Vortag. MAE Frühsport Teil 15Ich sah ihn an. Leider kein schütteres Haar, dachte ich. Er sah mich an, dachte was. Wir sahen uns an, erst in die Augen, dann einander auf die Zehen, seine hoben und senkten sich ungeduldig oder nervös, meinetwegen auch gelangweilt oder vor Freude. Keine Frage, wir benötigten einen neuen Einstieg ins Gespräch. Er hatte es versaut, nicht ich, wer den ersten Versuch in den Sand setzt, der sollte den zweiten nicht anderen überlassen. Es dauerte, er nahm einen weiten Anlauf. „Ich war letztes Wochenende in Cottbus, Kerstin besuchen, die ist da am Staatstheater, für eine Spielzeit. Tobi war auch mit, der schreibt jetzt für Springer, sein erstes Praktikum war Junge Welt, danach die Jungle World, taz, jetzt Springer. Ich finde das Konsequent. Ich glaube ja auch das dass langfristig die beste Strategie ist, mit den Konservativen, den bürgerlichen Konservativen, auf Evolution zu setzen statt auf Revolution. Von daher ist das Konsequent. Tobi bei Springer, wie findest du das?“ MAE Frühsport Teil 14Sie lag ja auch goldrichtig damit, es war nichts passiert. Jedenfalls nicht mir. Aber ich war ganz dicht dran gewesen, als etwas passierte, so dicht dran am geschehen, dass es mich hineingezogen hatte, vom Beobachter zum Verfolger zum beinahe Beteiligten. So dicht dran, dass es Überwindung kostete, sich noch eine Weile zurückzuhalten. Davon zu erzählen, Biggi einzuweihen, wäre der nächste logische Schritt gewesen. Tag für Tag hatte ich unter dem genannten Vorwand die Gruppe verlassen und, gleiche Zeit gleicher Ort, Posten bezogen, mich ansonsten ruhig verhalten, auf jegliche Verfolgung der Verdächtigen verzichtet. Viele andere waren täglich anwesend. Der Spatzenmann, der, stets pünktlich, mit freiem Oberkörper, das T-Shirt in den Gürtel gehängt trotz des inzwischen herbstlich zu nennenden Wetters, die Treppen des kleinen Bunkerbergs hinab stieg, um auf seiner Bank Platz zu nehmen. Er sitzt eine Weile, greift dann in die Seitentaschen seiner Hose nach den Brotkrumen, wirft einige vor sich, den Rest in der hohlen Hand, lässt erst die Spatzen kommen, öffnet dann die Hände und während sie sich darauf stürzen, immer mehr, eine Wolke, lacht er und lacht, lehnt sich anschließend zurück, setzt seinen Weg fort.
MAE Frühsport Teil 13Der Kameramann stand in der Tür, ein Glas in der Hand, sah erst mich an, dann an mir vorbei die Treppe hinunter. „Biggi kommt nach?“ Keine Frage, eine Feststellung. „Ja“, sagte ich, „gleich“ und begann, mir den Straßendreck von den Sohlen zu treten, länger als es nötig gewesen wäre, bis er endlich, sich abwendend, den Eingang frei gab, mir noch ein Wort über die Schulter zuwarf: „Parkett.“ Einfach so. „Parkett.“ Nichts weiter. So schlimm hatte ich es nicht erwartet, doch ich leistete Folge, entledigte mich meiner Schuhe, bereit wildfremden Menschen auf Strümpfen gegenüber zu treten.
Der Eingangsbereich war durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgeteilt, dahinter tat sich ein Raum auf, so riesig, dass selbst die Tafel in der Mitte, die annähernd 30 Personen Platz bot, verloren wirkte. Glasfront mit Spreeblick, offene Küche, einige Stellwände markierten Reviere, das Bett, einen Arbeitsplatz, drei kleine Sessel, ausgerichtet nicht auf einen Fernseher, sondern auf eine Kaffeemaschine mit eigenem Wasser- und Starkstromanschluss an der dem Eingang gegenüberliegenden Schmalseite. Abgesehen von Biggi fehlten noch all die anderen, gerade vier Personen tummelten sich am Tisch, kommunikativ über Eck gesetzt. Der Hausherr hatte zu tun, es sollte Essen geben, Serrano-Schinken am Stück zum selber herunter schneiden, üppige Wurst- und Käseplatten, Brot- und Obstkörbe, Wein stand bereit. Was sollte ich machen? Ich war früh genug, um bei den Pünktlichen sitzen zu müssen, ich konnte mich schlecht am anderen Ende der Tafel niederlassen. Die pünktlichen, das sind zum Beispiel Eltern, die ihre drei Kinder mitbringen. Das Jüngste ist zwei Jahre alt und wird noch gestillt, deshalb kann man es nicht zu hause mit Babysitter abparken. Man muss einem Kind, das „Titten“ sagen könnte, hätte man es ihm beigebracht, in aller Öffentlichkeit die Brust geben. frühsport schlottertdiese woche fällt der frühsport leider aus. wie auch der schulunterricht im käthe-kollwitz-gymnasium in pregnancy hill, dort wird in den klassenräumen trotz heizung nicht mal eine temperatur von 18 grad celsius erreicht. 20 grad sind vorgeschrieben. nachzulesen im rundschreiben über den betrieb von heizungs-, warmwasser und raumlufttechnischen anlagen (rlt-anlagen) in gebäuden und einrichtungen der berliner verwaltung. veröffentlicht im dienstblatt des Senats von berlin vom 28.8.2002. temperaturen von nicht mal 18 grad celsius! um dieser marke eine winzigkeit näher zu kommen benötigen wir in unserem büro dringend einen kühlschrank. er müsste groß genug sein für vier pesonen, ebenso viele pc, einige telefone, stift und zettel. Im sommer, wenn wir da nicht mehr zum arbeiten rein müssen, sollte er ordentlich mit bier befüllt sein. wenn jemand so einen kühlschrank abzugeben hat, dann kann er ihn gerne hier abliefern. heute aber nicht, heute hat die frühsportgruppe einen freien tag. wir machen uns jetzt eine woche warm und treten nächsten montag wieder an. MAE Frühsport Teil 12„Wo geht unsereiner eigentlich hin, wenn er aufs Klo muß?“ Ich ließ die Frage beiläufig fallen, wie man es macht, wenn ein dringendes Bedürfnis allen bekannt gemacht werden soll, ohne es explizit zu benennen. Es war kurz nach halb elf und der Tag strebte seinem Höhepunkt entgegen. In der linken Gesäßtasche steckte mein kleines, feines, zusammengeschustertes Notizbuch, den Kugelschreiber hatte ich an den Halsausschnitt meines T-Shirts geklemmt. Mit jeder Bewegung konnte ich die Ausrüstung spüren, das verlieh dem unsinnigen Unkrautjäten eine über die Tätigkeit hinaus weisende Bedeutung. MAE Frühsport Teil 11Das Signal sprang um, der Wagen preschte davon, nur wir blieben stehen. Warum? Wir hielten gar nicht an der Ampel, ein Missverständnis, zumindest jetzt nicht mehr, jetzt hielten wir an der Haltestelle, die Türen hatten sich gerade erst geöffnet. Das übliche Geschiebe, ich sank auf einen gerade frei gewordenen Sitz. Normalerweise haben bei Beschattungen Verfolger und Verfolgter ein gemeinsames Ziel: das des Verfolgten. Der eine will dorthin und der andere will wissen, wo der andere hin will. Das Ziel der Verfolgung ist das Ziel des Verfolgten. Die Vorgehensweise ist klar: man fährt, rennt, kriecht oder fliegt hinterher. Sofern die nötigen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Ich saß in der Straßenbahn. Zusammen mit anderen Leuten, die ebenfalls ein Ziel verfolgten. Zu diesem Zweck haben sie sich zusammen geschlossen, nicht um gemeinsam irgendwohin zu fahren, eine Notgemeinschaft, ein beschissener Kompromiss. Man kann keine vernünftige, ordentliche Beschattung durchführen, wenn man fortwährend Kompromisse eingehen muss. MAE Frühsport Teil 10Neue Fragen waren zu stellen, originelle Antworten zu finden. Eines war klar: Ich musste feststellen, ob sich die beiden regelmäßig trafen, woher sie kamen und wohin sie gingen. Doch zuerst war herauszufinden, wann sie sich trafen, wenn sie sich trafen, mein Gedächtnis für Uhrzeiten war mir abhanden gekommen. Völlig unklar zu welchem Zeitpunkt Dinge geschehen, sie kommen und gehen wie die morgendlichen Jogger, einige laufen im Kreis und man mag es sich nicht merken, wann sie heute schon einmal da waren, ob sie ihre dritte Runde laufen, ihre fünfte. Frühsport absolviert, jawoll, der nächste bitte, ist der Tag bald rum? Nein? Ach doch, wie schön. Es besteht also kein bedarf an Uhren und sie lassen mich im Regelfall auch stets in Ruhe, morgens der Wecker, das war’s dann schon.
MAE Frühsport Teil 9Kreuzung Berliner Straße, Bundesallee. Das absolute Nichts. U-Bahnhof Berliner Straße. Stadtteile die man nicht auf der Rechnung hat. Wo die berühmt berüchtigten Wilmersdorfer Witwen wohnen sollen. Keine da, alle auf´m Kudamm, bloß weg hier. Ich wollte noch etwas erledigen, eine Kleinigkeit, hastete die Treppe hinunter, geriet ins Stolpern. Vom Rennen ins Gehen zu wechseln, ist anstrengender als umgekehrt. Hier scheint in der Evolution der Fluchtreflex über die Langsamkeit funktional gesiegt zu haben. Ist auch sicherer so, kluge Evolution. Ich hatte die Informationsveranstaltung eines sogenannten Bildungsträgers besuchen müssen. Das halbe Jahr MAE sollte einen 20prozentigen Qualifizierungsanteil beinhalten, ich hatte mich diesbezüglich zurückgehalten, wurde aber auf der letzten Gruppensitzung von der Thiele nachdrücklich aufgefordert, zumindest diese Veranstaltung zu besuchen. „Sehen Sie, das ist ja auch für Sie ganz gut, da fahren Sie hin für zwei Stunden, wir tragen Ihnen hier die volle Stundenzahl ein und für den Rest des Tages haben Sie dann einen freien Tag.“ Zwinker, zwinker, Kumpanei.
Frühsport und ErholungKein Sport zwischen den Feiertagen.
MAE Frühsport Teil 8Gekreuzte Arme, übereinander geschlagene Beine. Sich sehen, sich freuen, dieser Kredit war aufgebraucht. Rauchen, klar. Die Zigarette gab mir die Gelegenheit mich abzuwenden. Die wirklich ganz gute Tomatensuppe fand auch am Nebentisch Anklang. Keine schöne Aussicht. Der Löffel tauchte ein, Mund schon aufgerissen, die Zunge schnellte hervor und leckte die Unterseite des Esswerkzeugs blitzblank bevor die Köstlichkeit zum hinein schlürfen an die Lippen geführt wurde. Macht man das so, dem Essen die Zunge herausstrecken, den Löffel von unten sauber lecken, dann das Süppchen lautstark aufsaugen? Ich riskierte einen kritischen Seitenblick. Biggi löffelte stoisch die gemeine Suppe. Ohne Unterseite abschlecken, ohne schlürfen, ohne Geräusche. Wie isst man richtig mit dem Löffel? Ich musste das zu Hause vor dem Spiegel ausprobieren.
MAE Frühsport Teil 7
Ich musste Biggi noch einmal anrufen, um den Laden zu finden, ich wusste es gab einige Restaurants am Friedrichshain, einige recht gute, für mein Verständnis. Aber da war keine Biggi. Ich hasse das grundsätzlich: in Läden reingehen und schauen, ob da die Verabredung sitzt. Kellner die einem einen Tisch anbieten und dann sagen müssen: Och nö, ich schau nur, ob ich hier verabredet bin. Aber in den schönen Läden keine Biggi. „Direkt Ecke Greifswalder“, hatte sie gesagt. Was sollte da sein? Da war nichts. Gated community war da im Bau oder schon fertig, das konnte ich nicht genau sagen, so Wohnanlagen sehen ja auch bewohnt wie tot aus, die lieben Kleinen spielen nur im Verkaufsprospekt neben dem Familienauto, in der echten Welt sind sie beim Ballett oder im Musikunterricht, Klarinette lernen. Das ist das einzige was die spielen können und es macht ihnen sicher mehr Spaß, als mit einer Blindschleiche in der Tasche um die Häuser zu rackern, wie wir das früher gemacht haben. „Was hast du denn da in dem Beutel? Eine zerzauste Auster? Ein gefälltes Lot? MAE Frühsport Teil 6Zum Feierabend rief Biggi an. Meine Biggi. Einladung zum Essen. Ein Italiener irgendwo an der Straße Am Friedrichshain. Ich musste bloß den Park durchqueren um dorthin zu gelangen. Ein schöner Nachmittag, jetzt schien auch die Sonne, alles im Lot, denn ein Bier würde aufgehen. Als ich das Kaiser Friedrich Denkmal passiert hatte und links auf den Weg zum großen Teich einbog, begann mein Herz anders, schneller, zu schlagen. Die Füße verloren ihren Rhythmus, wie angetrunken. Das konnte nicht allein an Biggi liegen, auf die ich mich, zugegeben, unbändig freute. Erst als ich den Ort des Geschehens vom Vortag erreichte fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Frühsport ist späterDiese Woche verspätet sich der Frühsport. Leider. Die aktuelle Folge liegt auf einer Festplatte ganz weit weg und will dort abgeholt werden. Wir sind auf dem Weg dahin und bringen sie am Dienstag mit. Versprochen. Dafür haben wir die Gelegenheit Werbung zu machen für das Buch des Kollegen Piotr Lizinski. JA! HEISST TÖTE MICH! - VERHÖR EINES AUGENZEUGEN, erschienen im Wald & Wiese Verlag Dresden. MAE Frühsport Teil 5Am folgenden Tag hatte ich den Vorfall schon fast wieder vergessen. Geblieben war eine nagende Unruhe die sich in Vergesslichkeit und tollpatschigen Bewegungen ausdrückte. Die Folge waren nicht richtig zugebundene Schuhe, offen gelassene Knöpfe und überraschend frühes Aufstehen. Alles was geschlossen sein sollte, war nicht richtig zu, also auch die Augen. Andere Dinge gingen dafür nicht auf, wie zum Beispiel die Sonne, die sich hinter einer haferflockensuppengrauen Wolkendecke verborgen hielt. Der Tag als solches war aus den Fugen geraten und ich schon erschöpft, noch bevor ich in die Friedenstraße einbog, so dass ich ein grundsolides Feierabendgefühl mit zu meiner Arbeitsgelegenheit brachte. Und nicht nur das, obendrein erreichte ich mein Ziel weit vor der Zeit und unser Bauwagen und damit auch der Arbeitstag waren noch geschlossen. Wie sich ein Tag schon so früh so spät anfühlen kann, dachte ich und sogleich machte sich Bierdurst bemerkbar, trotz unpassender Morgenkühle, doch der milde Nachmittag lag bereits in der Luft und kitzelte verlockend meine Kehle. MAE Frühsport Teil 4Ich saß da jeden Abend und passte auf, ich wusste bloß nicht worauf. Es war mir verboten, das Gebäude zu verlassen, es war mir sogar verboten, den dämlichen Glaskasten zu verlassen. Anfangs hatte ich es mir gemütlich gemacht: Thermoskanne ausgepackt, Stulle, Ärmel hochgekrempelt, mein Buch aufgeschlagen, war es gelassen angegangen gewissermaßen. Dann kamen die Jugendlichen. Sie kamen jeden Abend und sahen alle gleich aus, auch wenn sie selbstverständlich unterschiedlich groß waren und einige von ihnen einen Hut oder eine Kappe trugen. Sie bauten sich vor der Scheibe auf , stützten sich mit der einen Hand gegen das Glas während sie mit der anderen an ihrer Knopfleiste fingerten, meistens blieben sie mit dem Daumen unter der Gürtelschnalle hängen. Es waren wohl nur Sekunden, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis es dann so weit war und sie sich gegen die Scheibe erleichterten. MAE Frühsport Teil 3Aber dann, zwischen zwei Lidschlägen, ließ mich eine kleine Unstimmigkeit aufmerksamer hinschauen. Eine Beobachtung, so winzig als wäre eigentlich gar nichts passiert. Die Blonde, auf der linken Seite sitzende, hatte sich erhoben und kehrte wenig später mit zwei Bechern in der Hand zurück, nun saß aber die Dunkle auf der linken Seite und die Blonde setzte sich auf den Platz an dem eigentlich bis eben noch die Dunkle gesessen hatte, diese war nur durch gerutscht, legte wie selbstverständlich die Hand an den Griff des anderen Kinderwagens, der doch bis eben noch von der Blonden bewegt worden war. Keine von beiden warf auch nur einen Blick in ihren oder soll ich sagen den anderen Kinderwagen. Das hatten sie auch vorher nicht gemacht. Mit einem mal war ich Hellwach und versuchte das Blinzeln auf fünfmal die Minute zu reduzieren, um ja nichts zu verpassen. Trüge ich Kontaktlinsen, sie wären fest getrocknet, so angestrengt hielt ich die Augen aufgerissen. Es dauerte nicht lange, bis sich beide voneinander verabschiedeten. Sie standen auf und marschierten in unterschiedliche Richtungen davon, jeweils den Kinderwagen schiebend, der zuletzt vor ihnen gestanden hatte. Sie hatten ihre Kinder getauscht, soviel stand fest. MAE Frühsport Teil 2"Hey“, sagte ich, „das Mistvieh hat mich gerade gestochen“ und zeigte mit anklagender Geste erst auf die Wespe, die sich wieder zum tot treten bereit gelegt hatte und hielt dann meinen Arm in die Höhe, wo sich gerade ein kreisrunder roter Fleck bildete und die Stelle langsam verhärtete und zu schwellen begann. „Das muss gekühlt werden, ich bin dann mal weg“, ließ mein Arbeitswerkzeug fallen und machte mich auf den Weg zum Trinkwasserbrunnen, um meine Wunde in das kühle Nass zu halten, und vor allen Dingen, um einfach mal ein Stück Weg in einem vernünftig schnellen und deshalb auch weniger anstrengenden Tempo zurückzulegen. Mir war nicht klar, dass ich damit Ereignisse auslösen würde, die mich bis heute in Atem hielten und wenn ich das gewusst hätte, ich hätte mich erst recht dazu entschlossen. |
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