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MAE Frühsport Teil 15

Ich sah ihn an. Leider kein schütteres Haar, dachte ich. Er sah mich an, dachte was. Wir sahen uns an, erst in die Augen, dann einander auf die Zehen, seine hoben und senkten sich ungeduldig oder nervös, meinetwegen auch gelangweilt oder vor Freude. Keine Frage, wir benötigten einen neuen Einstieg ins Gespräch. Er hatte es versaut, nicht ich, wer den ersten Versuch in den Sand setzt, der sollte den zweiten nicht anderen überlassen. Es dauerte, er nahm einen weiten Anlauf.

„Ich war letztes Wochenende in Cottbus, Kerstin besuchen, die ist da am Staatstheater, für eine Spielzeit. Tobi war auch mit, der schreibt jetzt für Springer, sein erstes Praktikum war Junge Welt, danach die Jungle World, taz, jetzt Springer. Ich finde das Konsequent. Ich glaube ja auch das dass langfristig die beste Strategie ist, mit den Konservativen, den bürgerlichen Konservativen, auf Evolution zu setzen statt auf Revolution. Von daher ist das Konsequent. Tobi bei Springer, wie findest du das?“

Fragen die man kurz und knapp mit „Scheiße“ oder „was für ein Schwachsinn“ beantworten kann, taugen ebenso wenig wie Beleidigungen, eine entspannte Konversation mit alten Bekannten voran zu treiben und ich beschloss, dem ein Ende zu setzen, es hinter mich zu bringen:

„Und du, was machst du?“

Und los ging’s. Er würde weit ausholen, das stand fest. Seine Lippen bewegten sich, ich spiegelte mich in seinen Augen und wir saßen am Wasserturm, Bernard, Tobi und ich. Im Wronski, Anita Wronski, ein ganz beschissen normales Café, aber eines der wenigen und für uns reserviert und um uns herum und in uns drin das ganze wunderschöne doofe Leben, egal und wunderschön, weil in uns drin und um uns herum. Auf Ecstasy über Ecstasy reden, das ganze Drogengeplapper: Warum Koks so doof ist. Warum Speed so viel geiler ist: weil auf Speed das aufhören nicht denkbar ist, eine Fahrt im Panzer ohne links und rechts und hinten, kein zurück, immer geradeaus und geradeaus ist, wo vorn ist und vorn ist, wohin man blickt, diese Beschränktheit nach vorne. Gemeinsam wach sein, um wach zu sein, wir dachten das würde genügen. Unter dem Pflaster kein Strand, unter dem Pflaster der Bass. Wir hatten den gleichen Ansatz, sind dann aber unterm Strich auf sehr unterschiedliche Weise keine Hippies geworden, dachte ich, bemüht Bernards Ausführungen zu folgen. Hundert hüpfende Gummibälle in der richtigen Reihenfolge nacheinander auffangen, nahezu unmöglich. „Beratervertrag“, hörte ich ihn sagen, „Großprojekt, regenerative Energien, die Rettung der Welt, der größte Business Case unserer Zeit…“ Irgendwann war er einfach fertig. Letzter Satz, fertig, nichts womit ich was anfangen konnte. „Und du, was machst du schönes? Hinter der Bar stehst du doch wohl nicht mehr und mit Dielen abschleifen kann man ja heutzutage auch kein Geld mehr verdienen!“ Die Gegenfrage, charmant vorgetragen. „Na ja, ich habe da so ein Projekt, da arbeite ich mit, Urban Gardening heißt das offiziell, aber ich würde sagen Urban Farming trifft es eher. Es geht darum den Stadtraum als Agrarraum zu entdecken und über die gemeinsame landwirtschaftliche Bewirtschaftung urbaner Grünflächen gewissermaßen die Dorfgemeinschaft in die Stadt hinein zu holen. Unser Ziel ist es langfristig den selbstversorgerischen Ansatz mit dem wir gerade experimentieren zu überschreiten und Parks, Bahndämme und städtischen Brachen kommerziell zu bewirtschaften. Gerade sind wir im Volkspark Friedrichshain unterwegs, schauen was am Wegesrand so wächst und nehmen Proben. Wir haben die Förderung jetzt für ein halbes Jahr bekommen, mal sehen.“

Er sah mich an, schüttelte den Kopf. Ich sah ihn an. Wir sahen uns an. Er klopfte mir auf die Schulter. „Pass auf dich auf“, sagte er, eilte davon, suchte sich ein anderes Gespräch, stellte sich irgendwo dazu.

 

 

 

MAE Frühsport Teil 14

Sie lag ja auch goldrichtig damit, es war nichts passiert. Jedenfalls nicht mir. Aber ich war ganz dicht dran gewesen, als etwas passierte, so dicht dran am geschehen, dass es mich hineingezogen hatte, vom Beobachter zum Verfolger zum beinahe Beteiligten. So dicht dran, dass es Überwindung kostete, sich noch eine Weile zurückzuhalten. Davon zu erzählen, Biggi einzuweihen, wäre der nächste logische Schritt gewesen. Tag für Tag hatte ich unter dem genannten Vorwand die Gruppe verlassen und, gleiche Zeit gleicher Ort, Posten bezogen, mich ansonsten ruhig verhalten, auf jegliche Verfolgung der Verdächtigen verzichtet. Viele andere waren täglich anwesend. Der Spatzenmann, der, stets pünktlich, mit freiem Oberkörper, das T-Shirt in den Gürtel gehängt trotz des inzwischen herbstlich zu nennenden Wetters, die Treppen des kleinen Bunkerbergs hinab stieg, um auf seiner Bank Platz zu nehmen. Er sitzt eine Weile, greift dann in die Seitentaschen seiner Hose nach den Brotkrumen, wirft einige vor sich, den Rest in der hohlen Hand, lässt erst die Spatzen kommen, öffnet dann die Hände und während sie sich darauf stürzen, immer mehr, eine Wolke, lacht er und lacht, lehnt sich anschließend zurück, setzt seinen Weg fort.
Er und ich, die anderen, wir regelmäßigen, umgaben das Geschehen, gehörten dazu. Das ist alles in meinem Berichtsheft nachzulesen, ich habe die gesamte Szene, die vollständige Kulisse mit wirklich allen Beteiligten sorgfältig dokumentiert. Ebenfalls die Ergebnisse meiner Suche nach den Hinterfrauen der Prenz’lberger Mama Agentur. Spärlich und gerade aus diesem Grund beunruhigend. Es gab einen Internet Auftritt: Ein Katalog freundlicher Frauengesichter, sogenannte „Hol und Bring Angebote“, Preise „aufwandsabhängig nach Absprache“, eine Mobiltelefonnummer, keine Adresse, keine Postanschrift, keine Firmenkennzeichnung wie GbR oder GmbH, keine Liechtensteiner Stiftung. Wer vertraut sein Kind einem Mobiltelefon an? Und wie sollte ich diese hanebüchene Geschichte zur Sprache bringen, ohne mich zum Trottel zu ernennen? Diese Geschichte hatte keinen ersten Satz der nicht geklungen hätte wie aus dem Drehbuch einer Vorabendserie abgeschrieben. Also sagte ich weiterhin nichts und Biggi fragte mich nichts und auch ich fragte Biggi nichts, weil mich das nicht Erzählen können irgendwie blockierte. Diese Party machte es nicht einfacher. Champagner und Trüffel für alle, Koks für die Freunde vom Kameramann, Gänsemarsch ins Separee, danach ausschwärmen und loslabern, auf Strümpfen wohlgemerkt, weil Parkett.
Biggi und ich hielten uns gerade: Stumpf stehen, stumpf trinken, nicht spähen, nicht winken. Warten auf einem stillgelegten Bahnsteig. Ich bückte mich gerade um eine weitere Flasche vor meinen  Füßen zu platzieren, als ein Paar Burlington Socks direkt vor meinen Augen die Ankunft Bernards verriet. Er hatte sich überhaupt nicht verändert, jedenfalls nicht strumpfmäßig, dachte ich und ahnte, wie es oben rum weitergehen sollte: vierhundertundvierzig Gramm schwerer original Harris Tweed, gelbbeige mit hellblauem Überkaro standen vor mir, dazu ein blassrosa Hemd, hellbrauner Schal mit gelbem Karo. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber ich dachte mir die fehlende Barbour Jacke über dem Sakko einfach dazu.
„Mensch“, rief er, „Biggi, wie geht’s, was machst du?“ klopfte erst ihr auf die Schulter, dann mir, wedelte mit seinem Champagnerglas, wies auf die Batterie leerer Flaschen auf dem Parkett, sagte: „Und, Rüdiger, du immer noch Bier-Proletarier?“

(Tja, hier folgt eine unangenehme Gesprächspause, die sich quälend lange hinzieht, bis nächsten Montag genauer gesagt)
 

MAE Frühsport Teil 13

Der Kameramann stand in der Tür, ein Glas in der Hand, sah erst mich an, dann an mir vorbei die Treppe hinunter. „Biggi kommt nach?“ Keine Frage, eine Feststellung. „Ja“, sagte ich, „gleich“ und begann, mir den Straßendreck von den Sohlen zu treten, länger als es nötig gewesen wäre, bis er endlich, sich abwendend, den Eingang frei gab, mir noch ein Wort über die Schulter zuwarf: „Parkett.“ Einfach so. „Parkett.“ Nichts weiter. So schlimm hatte ich es nicht erwartet, doch ich leistete Folge, entledigte mich meiner Schuhe, bereit wildfremden Menschen auf Strümpfen gegenüber zu treten.
Der Eingangsbereich war durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgeteilt, dahinter tat sich ein Raum auf, so riesig, dass selbst die Tafel in der Mitte, die annähernd  30 Personen Platz bot, verloren wirkte. Glasfront mit Spreeblick, offene Küche, einige Stellwände markierten Reviere, das Bett, einen Arbeitsplatz, drei kleine Sessel, ausgerichtet nicht auf einen Fernseher, sondern auf eine Kaffeemaschine mit eigenem Wasser- und Starkstromanschluss an der dem Eingang gegenüberliegenden Schmalseite. Abgesehen von Biggi fehlten noch all die anderen, gerade vier Personen tummelten sich am Tisch, kommunikativ über Eck gesetzt. Der Hausherr hatte zu tun, es sollte Essen geben, Serrano-Schinken am Stück zum selber herunter schneiden, üppige Wurst- und Käseplatten, Brot- und Obstkörbe, Wein stand bereit. Was sollte ich machen? Ich war früh genug, um bei den Pünktlichen sitzen zu müssen, ich konnte mich schlecht am anderen Ende der Tafel niederlassen. Die pünktlichen, das sind zum Beispiel Eltern, die ihre drei Kinder mitbringen. Das Jüngste ist zwei Jahre alt und wird noch gestillt, deshalb kann man es nicht zu hause mit Babysitter abparken. Man muss einem Kind, das „Titten“ sagen könnte, hätte man es ihm beigebracht, in aller Öffentlichkeit die Brust geben.
Eine kleine Frau neben mir nippte fleißig an ihrem Weinglas und plauderte mit einem gegenüber: „Prosa sagt mir nicht so zu, das halte ich für Zeitverschwendung, ich lese lieber Erfahrungs- und Lebensberichte, die sich mit den Minderheiten anderer Kulturen beschäftigen“, vernahm ich und schickte einen Stoßseufzer gen Himmel. Ich saß zweifelsohne bei den anders Begabten. Nicht einmal der Gastgeber und Kameramann wollte sich zu uns gesellen. Hin und her laufend rückte er Gläser zurecht und wieder zurück, richtete Teller und Servietten neu aus.
Die Pünktlichen sind die Behinderten auf den Partys, man stellt auf dem Stuhl neben ihnen die Handtasche ab, bevor man sich verschämt niederlässt. Sie haben komische Angewohnheiten, sie kommen alleine und zu früh und wissen nicht wie der Kameramann heißt. Ansgar? Arne? Fridolin? Ich kannte ihn vom saufen mit Biggi, war ihm schon auf andern Partys begegnet. Ich war auf seiner Party, weil Biggi mich angerufen hatte. Wie jeden Freitag. Ein Freitag ohne Anruf von Biggi ist kein Freitag, danach gibt es keinen Samstag, wenn sie nicht anruft, freitags gehe ich hin, wo Biggi hin will, das war schon immer so, seit wir uns kennen, außer sie hat die Stadt verlassen. Heute also hier. „Bernard kommt auch, der ist das Wochenende in der Stadt, das wird lustig, weißt du noch, Bernard?“ Ohne eigenen Vorschlag ließ sich schlecht nein sagen und ja, ich wusste noch, Bernard. Eigentlich Bernhardt, mit dt, gebürtiger Bremer. Hatte sich erfolgreich hochstilisiert zum Halbfranzosen mithilfe seines Stiefvaters aus der französischen Schweiz und seiner Sprachbegabung. Bernard statt Bernhardt, immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die Blumen des Bösen im original in der Tasche, später Derrida, Foucault, Deleuze. Jetzt in einer französischen Wirtschaftskanzlei vorne dabei.
„Und, woher kennst du den Arnulf?“ Das galt mir. „Och so halt. Gibt’s eigentlich auch Bier?“
„Oh, Bier? Nein, das weiß ich nicht.“
„Guck ich mal“ und weg war ich. Große Wohnung gleich weite Wege gleich Zeitgewinn. Die ersten Nichtbehinderten trudelten ein, wie es sich für normale coole Leute gehörte in Gruppen und, als hätten sie sich abgesprochen, kurz hintereinander. Ich blieb beim Bier in der Deckung. Erst eine, dann zwei leere Flaschen neben mir auf dem Parkett.
Biggi kam. Wir tranken schweigend im stehen. Wenn sie mal fragen würde, dachte ich, wenn sie mich fragen würde: „Was macht der Park?“ Oder einfach nur „und?“ Ich hätte etwas zu erzählen, aber sie geht davon aus, dass es nichts gibt, dass nichts passiert.
 

frühsport schlottert

diese woche fällt der frühsport leider aus. wie auch der schulunterricht im käthe-kollwitz-gymnasium in pregnancy hill, dort wird in den klassenräumen trotz heizung nicht mal eine temperatur von 18 grad celsius erreicht. 20 grad sind vorgeschrieben. nachzulesen im rundschreiben über den betrieb von heizungs-, warmwasser und raumlufttechnischen anlagen (rlt-anlagen) in gebäuden und einrichtungen der berliner verwaltung. veröffentlicht im dienstblatt des Senats von berlin vom 28.8.2002.

temperaturen von nicht mal 18 grad celsius! um dieser marke eine winzigkeit näher zu kommen benötigen wir in unserem büro dringend einen kühlschrank. er müsste groß genug sein für vier pesonen, ebenso viele pc, einige telefone, stift und zettel. Im sommer, wenn wir da nicht mehr zum arbeiten rein müssen, sollte er ordentlich mit bier befüllt sein.  wenn jemand so einen kühlschrank abzugeben hat, dann kann er ihn gerne hier abliefern. heute aber nicht, heute hat die frühsportgruppe einen freien tag. wir machen uns jetzt eine woche warm und treten nächsten montag wieder an.

 

 

MAE Frühsport Teil 12

„Wo geht unsereiner eigentlich hin, wenn er aufs Klo muß?“ Ich ließ die Frage beiläufig fallen, wie man es macht, wenn ein dringendes Bedürfnis allen bekannt gemacht werden soll, ohne es explizit zu benennen. Es war kurz nach halb elf und der Tag strebte seinem Höhepunkt entgegen. In der linken Gesäßtasche steckte mein kleines, feines, zusammengeschustertes Notizbuch, den Kugelschreiber hatte ich an den Halsausschnitt meines T-Shirts geklemmt. Mit jeder Bewegung konnte ich die Ausrüstung spüren, das verlieh dem unsinnigen Unkrautjäten eine über die Tätigkeit hinaus weisende Bedeutung.
Uwe hob kurz den Kopf, runzelte die Stirn, Hamza zuckte mit den Schultern.
„Ihr Männer könnt euch doch ins Gebüsch stellen.“ Manuela sah mich an wie beschränkt.
„Ich muss aber richtig“, entgegnete ich und ergänzte das Ganze noch elegant mit einem leicht gedrucksten „wenn ihr wisst was ich meine“. Wie ein Kind das verlegen flüstert, es müsse mal groß. So machen wir Bekanntschaft mit der Scham, das ist der erste Apfel in den wir als Kleinkind beißen müssen, das ist die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies: Nicht alleine kacken können und das öffentlich machen müssen, vor allen Leuten, an der Hand der Eltern dorthin geführt werden. „Wo geht Jonathan denn hin?“ fragt die kleine Mara-Lisa und Ihre Mutter sagt: „Pscht! Ich glaube der Jonathan muss mal Groß. Musst du auch mal? Dann sag es bitte gleich!“ „Nein“, sagt sie, denn was soll sie auch sagen? Verbotenes, anales Glück.
Jürgen wies auf die sogenannte City Toilette.
„Die kostet aber 50 Cent, ich geh doch nicht auf Arbeit kostenpflichtig aufs Klo, wo gibt’s denn so was. Ich versuch es mal in dem Café da, Schönbrunn, hab’s eilig, gestern was komisches gegessen“, ließ ich fröhlich verlauten und den Blick noch einmal in die Runde kreisen, als wollte ich zu weiteren Erklärungen ansetzen. „Hau schon ab.“ Uwe wünschte weiter nichts zu wissen und ich stapfte von dannen. Auch für die nächsten Tage hatte ich damit einen soliden Grund für eine ordentliche Pause geliefert. „Irgendwie rumort es immer noch“ würde genügen. Toll, wenn man den ganzen Tag lang weiß, wann man offiziell für alle Stuhlgang hat.
Ich bezog Posten, Notizbuch und Stift gezückt, an der Hinweistafel, als suchte ich Orientierung. Zunächst mit dem Rücken zum Milchlammbuffet. Schulterblick, Blick auf die Uhr, tat als würde ich schreiben. Zu auffällig. Unschlüssig trat ich auf der Stelle, machte den Guck in die Luft. Machten ja alle. Geschäftig ins Nichts. Deshalb brauchten die beiden Damen ihre Kinderwagen, davor sitzen wirkt beschäftigt, ist Beschäftigung. Na gut. Selbstgebasteltes Notizbuch, komische Klamotten, der zeichnende oder schreibende Bohemien, auch eine Rolle. Berliner Klassiker. Das wollen die hier eigentlich sehen. Oder Jongleure, oder sehnige junge Männer mit freiem Oberkörper und Hut auf dem Schlappseil. Ich stierte inspiriert in der Gegend herum. Sie waren so unauffällig, dass sie einem Beobachter, der auf sie wartete, entgehen konnten. Dieselbe Bank, zwei graue Kostüme, Kinderwagen, andere diesmal, nicht schwarzblau, sandfarben, beinahe, sandgrau würde ich sagen, wenn es das gibt. Was genau sollte ich jetzt aufschreiben? Uhrzeit zuallererst, exakte Beschreibung. Von welcher Seite waren sie gekommen? Welche von welcher? Ich wartete. Und wieder: Es wurden Getränke geholt und, wenn mich nicht alles täuschte, dabei diskret die Plätze getauscht. Wurde getauscht? Wurde ich verrückt? Sie saßen da genau eine Viertelstunde, auf die Minute, eine unpersönliche und doch mit Kuss und Kuss garnierte Verabschiedung, ein tschüß auf dem Büroflur. Freundinnen waren das keinesfalls, Komplizinnen schon eher. Folge keiner von beiden, sagte die Stimme, bleib wo du bist, abgehetzte Verfolger sind nur mit sich beschäftigt. Beobachte, notiere, analysiere. Cool sein. Die kommen wieder. Gleiche Zeit, gleicher Ort.

 

 

MAE Frühsport Teil 11

Das Signal sprang um, der Wagen preschte davon, nur wir blieben stehen. Warum? Wir hielten gar nicht an der Ampel, ein Missverständnis, zumindest jetzt nicht mehr, jetzt hielten wir an der Haltestelle, die Türen hatten sich gerade erst geöffnet. Das übliche Geschiebe, ich sank auf einen gerade frei gewordenen Sitz. Normalerweise haben bei Beschattungen Verfolger und Verfolgter ein gemeinsames Ziel: das des Verfolgten. Der eine will dorthin und der andere will wissen, wo der andere hin will. Das Ziel der Verfolgung ist das Ziel des Verfolgten. Die Vorgehensweise ist klar: man fährt, rennt, kriecht oder fliegt hinterher. Sofern die nötigen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Ich saß in der Straßenbahn. Zusammen mit anderen Leuten, die ebenfalls ein Ziel verfolgten. Zu diesem Zweck haben sie sich zusammen geschlossen, nicht um gemeinsam irgendwohin zu fahren, eine Notgemeinschaft, ein beschissener Kompromiss. Man kann keine vernünftige, ordentliche Beschattung durchführen, wenn man fortwährend Kompromisse eingehen muss. Allein dass der Fahrschein bloß in eine Richtung Gültigkeit hat, ich hatte mir, Gott dies gedankt, vorausschauend eine Tageskarte gegönnt, aber das nützte in dieser Situation auch nicht viel. Die Haltestelle, der Fahrplan: Alles Kompromisse, all die anderen Menschen, wartende, sitzende, stehende, drängelnde Kompromisse. Mit Kompromissgesichtern lässt sich nichts erreichen, kein Ziel, kein neuer Morgen. Schon gar nicht mit der Straßenbahn, die fährt auf Kompromissschienen, ein Bus wäre wenigstens in der Lage, seine Spur zu verlassen, die Tram sollte Kompromissbahn heißen, so sieht’s aus. Es war an der Zeit, strukturiert vorzugehen, einen umfassenden Plan auszuarbeiten. Ich musste mir das Nummernschild merken: Mum 666. Mum 666. Wo wohnt die Mutter des Teufels? In München, wo sonst. Des Teufels Mutter wohnt in München. Ein Detektiv braucht ein Notizbuch, will er den Teufel besiegen in der Gestalt der Prenz’lberger Mama Agentur, ich hatte keins, ich saß in der Kompromissbahn und sagte mein Mantra gegen das Vergessen auf: Mama Agentur, des Teufels Mutter wohnt in München, Mama Agentur, wo wohnt des Teufels Mutter? Und so weiter und so weiter. Ich sah auf die Uhr, das hatte ich im Park versäumt: 11:30. Die Rennerei, die Warterei, in den nächsten Tagen musste ich gegen 10:45 auf Posten sein, eine halbe Stunde Zeit schinden, mich von der Gruppe entfernen, auch das gehörte in mein Berichtsheft, das ich nicht hatte. Das Kompromissgesicht auf dem Sitz gegenüber blickte mich unverwandt an. Merke: Merke dir Merksätze leise, nicht halblaut, schon gar nicht wenn sie von der Mutter des Teufels handeln. Was soll's, dachte ich, schließlich habe ich für den Rest des Tages einen freien Tag, fuhr nach Hause, setzte mich wieder zu den Zeitungen auf den Boden der Küche, arbeitete sie ein zweites mal durch. Ich schnitt einige lose Blätter zurecht und bastelte ein Notizbuch, für den Einband benutze ich eine herumliegende Pappverpackung, ein Streifen Gaffer sollte es zusammen halten, wie es den Riss in meinem Kaffeefilter flickte, den Lochfraß meiner Strickjacke verdeckte und meine gebrochenen Schuhsohlen fixierte. Mit Gaffer lässt sich alles machen, Pflaster des Lebens.

 

 

MAE Frühsport Teil 10

Neue Fragen waren zu stellen, originelle Antworten zu finden. Eines war klar: Ich musste feststellen, ob sich die beiden regelmäßig trafen, woher sie kamen und wohin sie gingen. Doch zuerst war herauszufinden, wann sie sich trafen, wenn sie sich trafen, mein Gedächtnis für Uhrzeiten war mir abhanden gekommen. Völlig unklar zu welchem Zeitpunkt Dinge geschehen, sie kommen und gehen wie die morgendlichen Jogger, einige laufen im Kreis und man mag es sich nicht merken, wann sie heute schon einmal da waren, ob sie ihre dritte Runde laufen, ihre fünfte. Frühsport absolviert, jawoll, der nächste bitte, ist der Tag bald rum? Nein? Ach doch, wie schön. Es besteht also kein bedarf an Uhren und sie lassen mich im Regelfall auch stets in Ruhe, morgens der Wecker, das war’s dann schon.
An diesem Tag war alles anders, die berühmte innere Uhr schlug, nicht zu jeder vollen Stunde, das nicht, nein, aber sie schlug, klopfte, hämmerte mir ins Gehirn, dass ich mich sputen müsste, wenn ich in Erfahrung bringen wollte, wann die beiden Kinderwagenfrauen sich trafen, nämlich genau jetzt. So schnell es die öffentlichen Verkehrsmittel zuließen, eilte ich in Richtung Volkspark, zweimal musste ich umsteigen, Gedrängel, Gerenne, an Haltestangen geklammerte Ungeduld. Vollkommen erledigt vor Aufregung sprang ich an der Paul-Heyse-Straße aus der Tram, betrat den Park folglich von der östlichen Seite, den Sportplatz überquerend und lief über den kleinen Bunkerberg zum Milchlammbüffet Schönbrunn. Da waren sie wieder, dieselben beiden gleich aussehenden Frauen mit Kinderwagen. Ich kam nur etwas zu spät. Wenn sie wieder getauscht hatten, dann war die Angelegenheit schon über die Bühne gegangen, gerade verabschiedeten sie sich mit Prenzlauer Berg Küsschen links und rechts auf die Wange und liefen in entgegen gesetzter Richtung auseinander. Ich musste mich entscheiden, welcher der beiden ich folgen wollte und wählte die aus, die sich auf die Straße am Friedrichshain zu bewegte, die Kniprodestraße entlang, auf die Danziger Straße zu, von der ich gerade gekommen war. Sie überquerte die Fahrbahn, blieb auf der Ecke stehen und wartete offensichtlich auf jemanden. Ich bezog an der Straßenbahnhaltestelle Posten. Ein schwarzer BMW stoppte, eine Frau vermutlich mittleren Alters stieg aus. Mit wenigen Handgriffen wurde der Liegekorb vom Fahrgestell abmontiert und wohl als Kindersitz auf der Rückbank befestigt. Zum Abschied schüttelten sich beide die Hand, die Türen schlugen zu, der Wagen fädelte sich wieder in den Verkehr. Die Tram fuhr ein und ich sprang hinein noch bevor jemand aussteigen konnte. Großer Fehler, Empörung blockierte die Türen, es war eine Durchsage des Fahrers vonnöten bis wieder Disziplin unter den Leuten herrschte und wir abfahren konnten. Alles kam auf die Ampelschaltung an, den Wagen wieder zu erkennen sollte kein Problem sein, das Nummernschild war gut zu sehen gewesen: M-UM, Teuflischerweise konnte ich die vierte Ziffer nicht erkennen, die ersten drei lauteten: 666. MUM 666. Schnell schob ich mich von hinten bis ganz nach vorne an die Zugspitze durch, um noch ein paar Meter gut zu machen und ich lag goldrichtig. An der nächsten Ampel kamen wir direkt neben dem Wagen zu stehen. Ich kniff die Augen zusammen um den Aufkleber an der Heckscheibe lesen zu können: „Prenz´lberger Mama Agentur“.
 

RAW-News 8.1.10

Hurra, die RED Alert Soliparty ist da...Näheres siehe unten...

Politics aktuell

Wie einige von Euch sicherlich schon wissen, findet am 18.1.10 ab 10 Uhr nun eine nochmalige Begehung seitens der RED durch alle Häuser und Projekträume statt. Dies hatte die RED ja schon einen Tag vor Weihnachten für den 5.1. angekündigt, unseren Wunsch nach Terminverschiebung auf den 15.1. jedoch zunächst nicht respektiert. Herr Müller und Herr Spiegelhalter waren also am vergangenen Dienstag um 10 Uhr da und haben darauf bestanden, wenigstens die Fluchtwege und Treppenhäuser der vorderen Gebäude anzusehen. Im Verlauf kamen auch Herr Wagner und zwei weitere Herren dazu, es wurde viel fotografiert und Herr Müller äußerte wiederholt, dass der Zustand so nicht in Ordnung sei. Im Anschluss wurde dann vereinbart, dass die Gesamtbegehung aller Räume am 18.1. nachgeholt werden soll. Für nähere Infos bezüglich des zeitlichen Ablaufs bitte ans Vereinsbüro wenden, bitte helft Euch, indem Ihr Euch zu diesem Anlass aufgeräumt präsentiert!
Das Brandkommissariat ermittelt wegen schwerer Brandstiftung, hat aber derzeit keine konkreten Anhaltspunkte.

Aus dem Vorstand

Aufgrund der schwierigen Situation appellieren wir nochmals an alle Mitglieder und ProjektpartnerInnen, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und auch weiterhin den Vorstand durch tatkräftige Mithilfe und Ideen zur Finanzakquise zu unterstützen! Die Interimslösungen für die Bereiche A&B und Veranstaltungen sind in der Ausarbeitung, ebenso wie die Ausschreibung die Anfang der kommenden Woche veröffentlicht wird.

Aus den Häusern und Projekten

Aus aktuellen Anlass finden folgende Plena kommende Woche mit Anwesenheitspflicht statt:
Verwaltungsgebäude Mo 11.1.10, 18 Uhr Intelligenzraum
Stoff&Gerätelager Mi 13.1.10, 16 Uhr küste

Außerdem: MEGASPREE-Plenum immer freitags 19 Uhr kl. Bewegungsraum

RED Alert Soliparty am Freitag, den 22.1.10 im KvU ab 20 Uhr
...weitere MithelferInnen sind willkommen!
....bitte an Pati wenden 0178 - 88 564 28
Mit Filmprogramm, u.a. ‚Wir sind gekommen um zu bleiben’ von Louise Culot, Dokufilmchen vom RAW, auf dem Filmfloor, betreut von Franc,
Bands:
Die Balkonproleten
Silly Circus Band
Die Knattertones
und anschließender Sause mit unserer allseits beliebten Djane YUGOTONKA!
Die KvU ist in der Kremmener Straße 9-11, 10435 Berlin, leicht erreichbar von der Warschauer mit der Tram M10! http://www.kvu-berlin.de/index.php?rubrik=Kontakt

Und übrigens...
...wieso hat noch keine/r eine Schneefrau gebaut??? Morgen soll es ausreichend Schnee geben...
 

MAE Frühsport Teil 9

Kreuzung Berliner Straße, Bundesallee. Das absolute Nichts. U-Bahnhof Berliner Straße. Stadtteile die man nicht auf der Rechnung hat. Wo die berühmt berüchtigten Wilmersdorfer Witwen wohnen sollen. Keine da, alle auf´m Kudamm, bloß weg hier. Ich wollte noch etwas erledigen, eine Kleinigkeit, hastete die Treppe hinunter, geriet ins Stolpern. Vom Rennen ins Gehen zu wechseln, ist anstrengender als umgekehrt. Hier scheint in der Evolution der Fluchtreflex über die Langsamkeit funktional gesiegt zu haben. Ist auch sicherer so, kluge Evolution. Ich hatte die Informationsveranstaltung eines sogenannten Bildungsträgers besuchen müssen. Das halbe Jahr MAE sollte einen 20prozentigen Qualifizierungsanteil beinhalten, ich hatte mich diesbezüglich zurückgehalten, wurde aber auf der letzten Gruppensitzung von der Thiele nachdrücklich aufgefordert, zumindest diese Veranstaltung zu besuchen. „Sehen Sie, das ist ja auch für Sie ganz gut, da fahren Sie hin für zwei Stunden, wir tragen Ihnen hier die volle Stundenzahl ein und für den Rest des Tages haben Sie dann einen freien Tag.“ Zwinker, zwinker, Kumpanei.
Aufgereiht wie Grundschüler in der Aula, scharrende Füße, tuscheln. So eine Federmappe hätte ich auch gerne, schön rot, wie kann der sich Filterzigaretten leisten, ist wohl noch ALG1, hat wohl gut verdient bis hierhin, keine fremde Steuermarke jedenfalls. Auf ihren Webseiten präsentieren sich diese Träger weiß und lichtdurchflutet, sparsame Farbakzente, Pastelltöne. Die Bürger für Bürger gGmbH, Badensche Straße, ein siebziger Jahre Zweckbau, nach außen verspiegelte Fenster, blind. Eingerahmt von McFit und einer Filiale der Landesbank. Gebäude die aussehen, als atmeten sie kalten Rauch. „Karrieren in Bewegung“, das hieß zunächst warten, ob weitere Teilnehmer kommen würden, die erste Stuhlreihe war bisher frei geblieben, da ging noch einiges. Während der Wartezeit Rauchen. Ich stellte mich nicht vor den großen mit Sand gefüllten Aschenbecher zu den anderen, ich wählte den Eingang der Landesbank. Nicht das ich mich schämte zu den Kaputten zu gehören, das nicht. Richtig ist dass ich nicht dazu gehören wollte. Schämen tat ich mich trotzdem und zwar fürs nicht dazu gehören wollen. Mit einer Viertelstunde Verspätung endlich kamen die Karrieren in Bewegung.
Kaum war´s vorbei nahm ich die Beine in die Hand. Ab in den Volkspark, ich musste einem neuen Hinweis nachgehen, die vertauschten Kinderwagen betreffend. Ich hatte das Wochenende überwiegend auf dem Küchenfußboden verbracht, alte Zeitungen lesend. Aus Frust über den verdorbenen Abend mit Biggi, aus Langeweile. Musik, Tee mit Rum und bis dato überlesene Schlagzeilen: „Nomaden mit Mobiltelefonen“, einleuchtend, Festnetz macht bei Nomaden keinen Sinn, entweder sie wandern von Telefonzelle zu Telefonzelle oder sie brauchen Mobiltelefone. Die Ukrainische Obdachlosen-Auswahl hatte den „Homeless Worldcup“ im Straßenfußball gewonnen, herzlichen Glückwunsch. Das Reise Ressort reimte sich um den Verstand: „Knien vor der Queen“. Dann: „Geldautomat aus Klinik gestohlen – Diebe rissen Stahlkasten unbemerkt aus der Verankerung“. Wo? Geburtsstation Klinikum Friedrichshain. Das passte. Vielleicht hatten sie das Ding irgendwo versteckt, später aufgebrochen und letzte Woche das Bargeld abtransportiert. es wäre denkbar, dass die Automatenknacker-Bande im Volkspark ihre Operationsbasis hatte und alle Transaktionen auf diesem Weg vornahm. Der Artikel war vom 27. Juli, lange her. Trotzdem, ein entscheidender Hinweis. Vielleicht ging es nicht um das Geld aus dem gestohlenen Automaten, geschenkt, es musste aber auch nicht zwangsläufig um Kinder gehen. Alles war möglich. Waffen, Babys, Drogen, Falsch- oder Schwarzgeld. Irgendetwas.
 

Frühsport und Erholung

Kein Sport zwischen den Feiertagen.
 

MAE Frühsport Teil 8

Gekreuzte Arme, übereinander geschlagene Beine. Sich sehen, sich freuen, dieser Kredit war aufgebraucht. Rauchen, klar. Die Zigarette gab mir die Gelegenheit mich abzuwenden. Die wirklich ganz gute Tomatensuppe fand auch am Nebentisch Anklang. Keine schöne Aussicht. Der Löffel tauchte ein, Mund schon aufgerissen, die Zunge schnellte hervor und leckte die Unterseite des Esswerkzeugs blitzblank bevor die Köstlichkeit zum hinein schlürfen an die Lippen geführt wurde. Macht man das so, dem Essen die Zunge herausstrecken, den Löffel von unten sauber lecken, dann das Süppchen lautstark aufsaugen? Ich riskierte einen kritischen Seitenblick. Biggi löffelte stoisch die gemeine Suppe. Ohne Unterseite abschlecken, ohne schlürfen, ohne Geräusche. Wie isst man richtig mit dem Löffel? Ich musste das zu Hause vor dem Spiegel ausprobieren.
„Du rauchst zu viel.“
Genau. Wenn ich rauche komme ich mir weniger nutzlos vor. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wenn ich mich nutzlos fühle muss ich rauchen. Um zu messen. Eine Zigarettenpause dauert fünf Minuten. Man kann den Tag mit Zigaretten in fünf Minuten Abschnitte einteilen. Eine Stunde hat vier Zigaretten. Der Abstand zwischen zwei Zigaretten beträgt zweimal fünf Minuten, alle zehn Minuten eine fünf Minuten Zigarette. Ich rauche nicht bloß, ich vermesse den Tag und, haha, lasse ihn in Rauch aufgehen. Hilft überdies beim einschlafen. Zu zählen sind dann keine Schäfchen sondern die fünf Zigaretten-Minuten und die zweimal fünf Minuten zwischen den Zigaretten-Minuten. Man kann leicht durcheinander kommen dabei und muss sich mordsmäßig konzentrieren, aber es funktioniert.
„Ich weiß gar nicht was du hast.“ Biggi schob den leeren Teller in die Tischmitte, lehnte sich zurück, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.
Was ich habe, dachte ich, was habe ich? Keine Lust auf Trash-Essen zum Beispiel. Ironisch essen gehen, so ein Scheiß, ich habe keinen finanziellen Spielraum ironisch essen zu gehen. Ich habe überhaupt einen Hass auf alle Ironie. Biggi hat ein wenig mehr Geld, das reicht aber nur zum sofort ausgeben, deshalb ist sie chronisch Pleite und wenn sie dafür extra mit dem Taxi zur Megaspree Demo fahren muss. Mich zum ironisch essen gehen einladen ist daher einfach nur zynisch, so sieht‘s aus. Wir hätten uns bei Bagdad am Schlesischen Tor treffen können. Döner und Bier für acht Euro. Zusammen. Wir wären zusammen gewesen, nicht nebeneinander, so wie die ganzen Pärchen um uns herum, die oft genug nur nebeneinander sind. Die Frage: „Seid ihr zusammen?“ haben wir all die Jahre mit nein beantwortet, denn wir sind kein Paar. Wir sind immer einfach nur zusammen wie man zusammen ist wenn man zu zweit ist und sich das gut anfühlt. Ja, wir hätten bei Bagdad im tollen Sommergarten sitzen können, wo die Hofkaninchen mit Petersilie aus der Küche gefüttert werden. „Meine große Stadt, wo bist du?“ hätten wir gefragt, ich hätte Biggis Lachfalten gezählt und wir hätten zu mir gehen können und ich hätte definitiv etwas anderes geleckt als die Unterseite eines Löffels.
Hätte hätte Fahrradkette. Neben ausgeleierten Zeitarbeitsuniformen mit der dämlichen Aufschrift Clean House, nicht weit genug weg vom eigenen Elend, da konnte, da wollte ich nur bockig sein. Wir nahmen beide noch ein Bier, schweigend, meines auf nüchternen Magen. Eine kleine Suppe wäre wirklich ganz gut gewesen. Aber eben nur ganz gut.
 

MAE Frühsport Teil 7

Ich musste Biggi noch einmal anrufen, um den Laden zu finden, ich wusste es gab einige Restaurants am Friedrichshain, einige recht gute, für mein Verständnis. Aber da war keine Biggi. Ich hasse das grundsätzlich: in Läden reingehen und schauen, ob da die Verabredung sitzt. Kellner die einem einen Tisch anbieten und dann sagen müssen: Och nö, ich schau nur, ob ich hier verabredet bin. Aber in den schönen Läden keine Biggi. „Direkt Ecke Greifswalder“, hatte sie gesagt. Was sollte da sein? Da war nichts. Gated community war da im Bau oder schon fertig, das konnte ich nicht genau sagen, so Wohnanlagen sehen ja auch bewohnt wie tot aus, die lieben Kleinen spielen nur im Verkaufsprospekt neben dem Familienauto, in der echten Welt sind sie beim Ballett oder im Musikunterricht, Klarinette lernen. Das ist das einzige was die spielen können und es macht ihnen sicher mehr Spaß, als mit einer Blindschleiche in der Tasche um die Häuser zu rackern, wie wir das früher gemacht haben. „Was hast du denn da in dem Beutel? Eine zerzauste Auster? Ein gefälltes Lot? Zwei Dosen Aprikosen? Ein Stück Schnur ohne Ende?“ „Nein, einen Notenschlüssel.“ Vielen Dank auch. Endlich sah ich Biggi sitzen und bereits essen. Restaurant San Angelo, ausgerechnet, italienische und mexikanische Küche, Tische und Stühle des Außenbereichs schmuckvoll umzäunt, auf einem Bodenbelag, der an die Anti-Rutsch-Matten einer Schwimmbaddusche erinnerte, als Kellner verkleidete Kellner.

"Die Tomatensuppe ist gut“, strahlte sie mich an.

"Danke, ich freu mich, wo ich doch zu Hause keine Mikrowelle hab.“

"Ist doch witzig, so Trash-Essen gehen. Die Tomatensuppe ist wirklich gut.“

"Na klar. Ich nehm bloß ein Bier, das steht schon den ganzen Tag auf meinem Zettel.“

"Stell dich doch nicht so an. Die Tomatensuppe ist wirklich ganz gut.“

"Jetzt ist sie also nur noch ganz gut.“

"Was machst du denn heute Abend, schon was vor?"

"Keine Ahnung. Vielleicht Trash-Fernsehen gucken. Ist doch witzig, Trash-Fernsehen gucken. Deutschland wird schwanger ist wirklich ganz gut. Danach Bad Taste Party, was meinst du?"

"Fick dich."

"Fick du dich."

 

RAW-News 14.12.09

Immer weiter spannende Dinge: Megaspree hat den Gewinner des Videowettbewerbs ermittelt, die MS versenken ist aus dem Spreeraum-Ausschuss ausgetreten, da sie die dortige Arbeit nicht mehr  im Sinne des Bürgerentscheids vertreten konnte, nun wird im Bezirk überlegt, wie damit weiter verfahren werden kann...
ein neues großes Bündnis Widerstand Mitte demonstriert gegen den Abbau von Kulturfördermitteln und das Schließen der Jugendclubs, im Bezirk ist schon die Haushaltssperre ausgesprochen, insgesamt sieht die Lage nicht so rosig aus...
auch für den RAW-tempel gibt es noch keine wirklich neuen Erkenntnisse, außer dass wir uns vor Weihnachten nochmal mächtig ins Zeug legen müssen...die RED wird erst wieder mit uns sprechen und die Vertragsverlängerung für das SGL akzeptieren, wenn wir den Müll hinter dem SGL wie versprochen bis zum Freitag, 18.12.09 beräumt haben!
Daher findet am kommenden Dienstag, den 15.12.09 von 11 – 16 Uhr ein Subbotnik unter Mitwirkung der Hausmeisterei statt, bitte tragt Euch in der Liste im Vereinsbüro oder in der küste ein, wann Ihr mithelfen wollt! Schön wäre, wenn Ihr selbst Arbeitshandschuhe mitbringen könnt und falls jemand einen günstigen Pritschenwagen weiß oder zur Verfügung stellen kann, um Müll wegzufahren, wäre es auch prima! Einiges Holz muss nur verlagert werden.
Bisher haben sich bereits Frische Fotos mit 3 Personen und die Ratten 07 mit 8 Personen zum Helfen angemeldet, das finden wir total super!!
 

MAE Frühsport Teil 6

Zum Feierabend rief Biggi an. Meine Biggi. Einladung zum Essen. Ein Italiener irgendwo an der Straße Am Friedrichshain. Ich musste bloß den Park durchqueren um dorthin zu gelangen. Ein schöner Nachmittag, jetzt schien auch die Sonne, alles im Lot, denn ein Bier würde aufgehen. Als ich das Kaiser Friedrich Denkmal passiert hatte und links auf den Weg zum großen Teich einbog, begann mein Herz anders, schneller, zu schlagen. Die Füße verloren ihren Rhythmus, wie angetrunken. Das konnte nicht allein an Biggi liegen, auf die ich mich, zugegeben, unbändig freute. Erst als ich den Ort des Geschehens vom Vortag erreichte fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie saßen in Massen vor dem Schönbrunn, frisch gebackene Mamas und Papas und aßen, was es dort eben zu essen gab. Milchkalb und Milchlamm, größtenteils. Gerade noch hatten sie ihr Kind zum stillen an der Brust und nun verspeisten sie von der Mutterbrust gerissene Tiere. Ich stand da und sah und „Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: (…) Am zehnten Tage dieses Monats nehme ein jeglicher ein Lamm (…) je ein Lamm zu einem Haus. (…) Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, daran kein Fehl ist, ein Männlein und ein Jahr alt (…) und ein jegliches Häuflein im ganzen Israel soll´s schlachten gegen Abend. Und sollt von seinem Blut nehmen und beide Pfosten der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, darin sie es essen. (…) Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen (…). Und das Blut soll euer Zeichen sein an den Häusern, (…) dass, wenn ich das Blut sehe, an euch vorübergehe und euch nicht die Plage widerfahre, die euch verderbe, wenn ich Ägyptenland schlage.“

So sieht's aus, dachte ich, sie haben Angst. Und sie taten gut daran, denn zwei ominöse, sich erstaunlich ähnlich sehende Frauen hatten hier gestern nebeneinander gesessen und ihre Kinderwagen samt Inhalt getauscht und nun verknusperten die Kleinfamilien am Milchlammbuffet prophylaktisch ein Opfertier, auch wenn sie nicht wissen konnten was ich wusste. Das ist das aufgeklärte Zeitalter, in dem neoreligiöse Handlungen unbewusst in Restaurants vollzogen werden. Und ich war der Prophet, ein rasanter Aufstieg. Der Auftrag musste nur Zeitgemäß verpackt werden und in diesem Fall hieß das: Fakten sammeln, das Böse als Kriminalfall lesen und zur Sprache bringen, Detektiv-Arbeit. Zuerst würde ich mit Biggi darüber sprechen müssen. Also setzte ich meinen Weg fort.

 
Frühstück

bratwurst

Frühstück: Selma

Rawioli

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